Die Post ist da – für (fast) alle

2018 lancierte die Schweizer Post ihre preisgekrönte Werbekampagne. Es war der Startschuss zum Niedergang der Postzustellung im Alta Centovalli. Plötzlich kam die Zeitung nicht mehr morgens an, sondern vielleicht einen Tag später. Pakete liessen wochenlang auf sich warten und anstelle von Rechnungen traf irgendwann eine Mahnung ein. In den Dörfern regte sich Unmut, es wurde in Camedo, Intragna, Locarno und gar in Bundesbern reklamiert. Leider ohne Wirkung. Mein Nachbar verteilte ein Flugblatt in die Briefkästen der Dorfbewohner. Interessanterweise wurde dieses im öffentlichen Aushang umgehend entfernt.

Die Schuld wurde schlussendlich einer demotivierten Postbeamtin zugeschoben, aber Unsicherheiten zum Postbetrieb blieben bestehen. Wie immer war es wieder einmal die Kommunikation, die versagte. Ein Gespräch mit der Gemeinde klärte endlich, dass der Postbetrieb einem privaten Partner übertragen wurde, der Tankstelle in Camedo.

Folgende Öffnungszeiten wurden mir von der Schweizer Post in Bern bestätigt:
Montag bis Freitag 06:00 bis 19:00
Samstag 08:00 – 19:00


Das Informationsblatt findest Du hier – leider nur in italienisch. Aber Du kennst sicher den tollen, kostenlosen Übersetzungsdienst DeepL – copy & paste und die gewünschte Sprache auswählen.

Über die Menschen und Geschichten eines besonderen Tals

Der schweizerisch-kanadische Schriftsteller Kurt Hutterli hat mich über seinen Blog „Von Tal zu Tal“ aufmerksam gemacht, dass die Fortsetzung seines Theaterstücks „Centovalli – Centoricordi“ in den Startpflöcken steht (20. Juli 2019 bis 24. August 2019).

Diesmal ist Flavio Struppini der Autor des neuen Stücks „La canzone della valle – Das Lied des Tales“ in und mit der „Centovallina“ zwischen Verscio und Camedo. Die Familie Dimitri ist mit Masha Dimitri auch diesmal prominent vertreten.

Lanciert wurde das Projekt von der „Werkstatt für Theater Luzern“ in Zusammenarbeit mit der „Ferrovie Viggezina – Centovalli“ und dem „Teatro Dimitri Verscio“. Tickets sind hier erhältlich. Alle relevanten Informationen findest Du in diesem Flyer. Auf keinen Fall verpassen!!!

Der Aussichtspunkt des Gianni Pantini

Der direkte Weg von Costa Borgnone nach Corte Nuovo ist auf den Wanderkarten meistens nicht mehr eingezeichnet. Dabei ist er eine echte Alternative zu den Routen vom Monte Comino oder von Lionza über Saorèe. Bevor er den steilen Felsbändern entlang zu den Ställen von Corte Nuovo führt, steigt man durch einen Birkenwald und rastet am „Punto panoramico“ des Gianni Pantini.

Zwei Glücksfälle führten zu der unvergleichlichen Aussicht, die sich einem dort bietet. In der schrumpfenden Bevölkerung des Centovalli ist die Familie Pantini eine Ausnahme. Gianni Pantini erlernte auf dem zweiten Bildungsweg den Beruf des „Forestale“ und absolvierte den Lehrgang erst noch in deutscher Sprache. Er lebt heute mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Dorfkern von Camedo. Der zweite Glücksfall waren der Ortsverein „Pro Costa“ und das Patriziat von Borgnone, welche die Finanzen zur Schaffung des Punto panoramico bereitstellten. Die Aussicht dort oben ist das eine, die Möglichkeit, mit einem Helikopter im Notfall Verletzte vom Berg aufnehmen zu können, aber die wichtigere Überlegung.

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In harter Arbeit musste der Platz erst gerodet werden, um einen freien Blick zu erhalten. Danach brauchte es noch einen bequemen Sitzplatz, um die Aussicht so richtig geniessen zu können. Die Plakette auf dieser Holzbank widmet den „Punto panoramico“ allen Bewunderern der fantastischen Bergwelt der Centovalli. Bravo Gianni und vielen Dank für Deine Arbeit! Und danke auch für die fleissige Mithilfe Deiner Kinder!

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Ohne den alljährlichen Unterhalt wäre der Weg allerdings bald nicht mehr begehbar. Die Bändigung der wilden Natur am Berg, die Reinigung und Wiederherstellung von Brunnen sind genauso wichtig, wie auch die Übernachtungsmöglichkeit im Notfall auf Corte Nuovo selbst. Mit diesem PDF erläutert und bebildert Gianni seine Arbeit selbst.

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Der Weg von Costa (880 m) zum Ruscada (2004 m) ist ein „Muss“ für alle Berggänger und Liebhaber der Gegend. Diesen Mai war es allerdings noch etwas zu früh, denn auf dem letzten Stück zum Ruscada lag noch zuviel Schnee. Mit dem Wärmeeinbruch anfangs Juni dürfte dieser allerdings bald zum „Schnee von gestern“ werden.

Zur Wetterstatistik und zur Wettervorhersage von Costa….

Dorf an der Grenze 2

Pro Costa – ein Rückblick und Ausblick

Wie in vielen Tessiner Gemeinden ist die Wasserversorgung – auch heute noch – eines der streitbarstenThemen. Dies war auch in Costa s/Borgnone der Anlass, eine starke Stimme in der Gemeinde zu bilden. Wasser gab es meist genug, aber ein Wasserleitungs-Kataster fehlte. Auch andere Probleme quälten die Dorfbewohner und Ferienhaus-Besitzer: Die Wiesen vergandeten mehr und mehr, die alten Kastanienbäume starben, die wenig begangenen Wanderwege überwucherten und wurden aus den Wanderkarten gestrichen. Das Abfall-Problem war ungelöst, die Wege im Dorf glichen bei Regen Sturzbächen. Das alte Steindach der Kirche war im Zerfall und viele weitere Missstände brachten die Menschen zum Gespräch auf den Dorfplatz. Geld war dank begüterten Familien genug vorhanden, aber es brauchte den Anstoss und die starke Hand eines Tessiners, um den Stein ins Rollen zu bringen. Dante Fiscalini, Sohn des Achille aus dem angestammten Geschlecht des Dorfes hatte die Verbindungen zu Kanton und Gemeinde (damals noch Borgnone) und sah die Lösung – auch im Tessin ist man sehr schweizerisch – in der Gründung eines Vereins.

Am 15. April 1995 fand die konstituierende Versammlung der „Associazione Pro Costa di Borgnone“ statt. Die meisten Dorfbewohner wurden rasch Mitglieder des Vereins und erfreuten sich an den Begleitaktivitäten und Dorffestern. Eines der ersten Projekte war die Renovation des alten Brunnens in Bagnadù. Ein Meilenstein – Jahre später – war die Dorf-Chronik „Costa Alta Centovalli – Otto secoli di storia„, die Dante Fiscalini schrieb. 16 Jahre später übernahm Ruth Pedrazzetti-Weibel das Präsidium des Vereins und führte diesen dank Zweisprachigkeit und familiären Tessiner-Wurzeln erfolgreich weiter.

25 Jahre nach Gründung des Vereins verliert die Generation der Pioniere langsam ihre Kraft, die Geschäfte weiter zu entwickeln und eine neue motivierte Generation ist nicht in Sicht. Sehr vieles wurde in all den Jahren erreicht und vielleicht fehlen nun wichtige Ziele, was für das Dorf noch getan werden sollte. Nach dem Rücktritt von Ruth Pedrazzetti übernahm der bisherige Vizepräsident Moreno Meni letztes Jahr die Geschäfte und wird die Mitglieder am 20. April 2019 vor die schicksalshafte Frage stellen, ob der Verein aufgelöst oder stillgelegt werden soll.

Ich bin gespannt, wie der Entscheid ausfallen wird und hoffe, dass es lediglich zu einer Stilllegung kommen wird. Strukturen sind schneller zerschlagen, als wieder aufgebaut. Stellvertretend für alle Mitglieder von Pro Costa bedanke ich mich beim Vorstand und den bisherigen Präsidenten für die selbstlose Milizarbeit in einem Dorf an der Grenze, das ohne starke Stimme längst vergessen wäre.

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Eines der letzten Projekte von Pro Costa, die schöne Holzbank am neu geschaffenen Aussichtspunkt auf dem Weg von Costa nach Corte Nuovo.

Nachtrag: Die Mitgliederversammlung hat der Stilllegung des Vereins einstimmig zugestimmt. Der Vorstand bleibt in bisheriger Konstitution bestehen, verzichtet aber auf die Organisation der bisherigen Veranstaltungen – mit Ausnahme des 25-Jahre-Jubiläums der Associazione Pro Costa di Borgnone.

Dorf an der Grenze 1

Aline Valangin 1889–1986

Aline Valangin ist im selben Jahr gestorben, als ich mein erstes Rustico im Centovalli renovierte. Und sie war aus verschiedenen Gründen bedeutungsvoll für mich, obwohl sie ennet dem Ruscada im Onsernone-Tal wirkte und lebte; eben auch in einem „Dorf an der Grenze“. Wer ihre „Geschichten vom Tal“ einmal gelesen hat, wird von der Vergangenheit der kargen Gegend und der Armut und Härte des Lebens der Menschen im Sopraceneri betroffen und beeindruckt bleiben.

Aber meine Geschichte ist eine andere. Stell Dir vor, eine junge, hübsche, blonde Stewardess der damaligen Swissair, fliegt in den frühen 60-er Jahren um die Welt und sammelt Kunst und Antiquitäten für ihre Galerie in Zürich. Doch dann entdeckt Doris Zimmermann während einer Reise nach Ascona in einem Antiquitätengeschäft einen zwar nicht speziell tessinerischen, aber kraftvoll rustikalen Bauernschrank. Das Geschäft gehört Wladimir Rosenbaum, einem Zürcher Rechtsanwalt, dem wegen seinem antifaschistischen Engagement im spanischen Bürgerkrieg das Anwaltspatent entzogen wurde. Doris ist nicht nur von dem inzwischen berühmten Rosenbaum fasziniert, sondern vor allem von dem schönen Schrank. Sie beschliesst diesen zu kaufen, benötigt dazu aber noch ein Haus, um ihn aufzustellen. In den Centovalli, im fast gänzlich verlassenen Bergdorf Costa Borgnone, auf 875 m.ü.M., wo auch im Winter meist die Sonne scheint, wird sie fündig. Sie bringt den Schrank in ein verlottertes Rustico, wo er sich nach Renovation des Hauses aufgrund seiner Grösse nicht mehr weg- oder weiter transportieren lässt. Doris Zimmermann erfreut sich in der verschlossenen Tessiner Gemeinde grosser Beliebtheit. Fast ehrfurchtsvoll wird sie von den Einheimischen „La Bionda“ genannt.

Der berühmte Schrank

Als Doris mir später ihr Haus verkaufte und meine liebste Nachbarin wurde, hat sie mir auch ein Buch des Biographen Peter Kamber überlassen, das mich tief berührte. Die „Geschichte zweier Leben – Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin“ ist nicht nur eine Geschichte von wiederholter politischer Verfolgung, nicht nur ein Sittenbild einer offenen Ehe im fernen Nachhall der Bewegung um die Jahrhundertwende am Monte Verità, sondern und vorallem eine berührend persönliche Begegnung mit zwei besonderen Menschen. Sybille Rosenbaum-Kroeber, Rosenbaums dritte Frau, erzählt im Buch von Peter Kamber, dass Aline Valangin einmal ihr gegenüber in Gegenwart Rosenbaums bemerkte: „Und begraben möchte ich ja gern, wenn Sie nichts dagegen haben, mit Euch. Die Antwort lautete: „Natürlich habe ich nichts dagegen Aline. Das wäre ja komisch, wenn wir uns da unten nicht alle vertragen sollten.“ Es sei ein heiteres Gespräch unter drei Leuten gewesen sein, die mit dem Tod auf gutem Fusse standen.

In den 80-er Jahren, als Doris Zimmermann einem Krebsleiden erlag, erlebte das Dorf eine Renaissance mit neu Zugezogenen und einer neuen Generation Sesshafter, die in der Gründung eines Dorf-Vereins mündete. Doch davon später.

Die Zentralbibliothek der Universität Zürich beschreibt den Lebenslauf von Aline Valangin in Kürze:

„Aline Valangin wurde am 9. Februar 1889 als Aline Ducommun in Vevey geboren, ihr Grossvater war der Friedensnobelpreisträger Élie Ducommun (1833-1906). Sie wuchs in Bern auf und erhielt mit 5 Jahren den ersten Klavierunterricht. Ab 1904 studierte sie am Konservatorium in Lausanne Klavier bei einem Busoni-Schüler, brach aber die Ausbildung im fortgeschrittenen Stadium wegen einer Daumenverletzung ab. Nach Anstellungen als Privatsekretärin im Elsass und nach Kriegsausbruch als Klavierlehrerin in Bern wurde Valangin 1915 Analysandin und in der Folge Schülerin und Assistentin des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung in Zürich.

Von 1917 bis 1940 war Valangin mit dem russisch-jüdischen Rechtsanwalt Wladimir Rosenbaum verheiratet. Das gemeinsame Wohnhaus in Zürich-Stadelhofen und die 1929 in Comologno TI erworbene Villa „La Barca“ dienten als Treffpunkt bedeutender Literaten und Künstler. Ab Mitte der 1930er Jahre lebte Valangin als Schriftstellerin in Comologno und Ascona, bis Mitte der 1960er Jahre zusammen mit Wladimir Vogel, den sie nach der Scheidung von Rosenbaum geheiratet hatte.

Aline Valangin starb am 7. August 1986 in Ascona.“