Landebahnen für Ausserirdische?

Am Ende der Centovalli, im Wald von Moneto, nahe der Grenze zu Italien bei Monadello tut sich seit langem Seltsames. Im Frühjahr 2018 entstand der erste Einschnitt im Wald. Wochenlanges Aufschreien der Kettensägen und Knirschen der improvisierten Drahtseilbahn, um das geschnittene Holz auf die Strasse zu transportieren, weckten nicht nur neugierige, sondern auch verärgerte Blicke von der gegenüberliegenden Talseite. Was wurde hier angelegt? Ein Skilift für die nächste Eiszeit, eine neue Wasserleitung, ein Mountainbike Trail oder gar eine Landebahn für Ausserirdische?

Kratzspuren der Krallen Godzillas?

Im Frühjahr 2019 ging es weiter, nicht unmittelbar an den ersten Einschnitt anschliessend, sondern etwas versetzt. Wieder monatelang derselbe Lärm, dieselbe Verschandelung des Waldes. Und 2020 die dritte Tranche. Niemand, den ich kenne, konnte das Rätsel lösen, bis ich über drei Ecken auf einen Artikel von „La Regione“ stiess.

Dort wird Giovanni Galli, Leiter des Forstamtes des 80. Bezirks zitiert: „Die Schutzwälder im Tessin werden in zwei Arten unterteilt: die des direkten Schutzes, die bewohnte Gebiete und Strassen vor Naturgefahren schützen (in denen subventionierte waldbauliche Eingriffe in der Regel von öffentlichen Stellen oder vom Staat durchgeführt werden) und die des indirekten Schutzes, in denen Waldunternehmer mit unserem Einverständnis zu Trägern von Holzverwertungsprojekten werden können. Im Falle der Alta Centovalli handelt es sich genau genommen um ein Schnittprojekt „deficitario“, welches von einem privaten Auftragnehmer durchgeführt wird.“

An diesen Schnee- und Erdrutsch gefährdeten Hängen befürchte ich allerdings, dass später wieder ein Projekt zum Schutz vor Naturgefahren gemacht werden muss…

Herr Galli wird weiter zitiert: „Einerseits begünstigen die Schnitte – indem sie dem Licht erlauben, den Boden zu erreichen – das Wachstum der Kleintiere und verbessern die Qualität des Unterholzes, indem sie es ökologisch reicher (auch für die Fauna), interessant und besser strukturiert machen; andererseits stimulieren sie die Holzwirtschaft (denken Sie zum Beispiel an den Bedarf der Wärmekraftwerke in der Region), indem sie die Ausbeutung einer lokalen Ressource in Reichweite begünstigen und vielleicht Importe aus dem Ausland vermeiden. … Aus ökologischer Sicht und aus Sicht der Artenvielfalt schaffen diese Einschnitte eine neue Dynamik, ermöglichen es dem Wald, sich zu erneuern und andere Waldessenzen anzusiedeln. Im Vergleich zu reinem Buchenholz, mit einem „sauberen“, aber extrem armen Unterholz, wird sich in den nächsten Jahren ein reicherer und stabilerer Wald entwickeln, der der Natur zugute kommt.“

Ich persönlich stehe diesem Projekt eher skeptisch gegenüber. Der Nutzen dürfte vor allem den Waldbesitzern zugute kommen. Was leider nicht vorgesehen wurde: Eine experimentelle Wiederaufforstung mit neuen Baumarten, welche sich bei der – im Tessin besonders spürbaren – Klimaveränderung als resistent erweisen könnten. Bei den vermehrt auftretenden Waldbränden würden sich gezielt eingesetzte Schneisen sicher von Vorteil erweisen. Diese müssten aber direkt um die bewohnten Gebiete angelegt werden.

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Ideen für DEN Palazz

Am 18. Juni lud die Fondazione Casa Tondü di Lionza zur Video-Pressekonferenz: Der Palazzo Tondü an einem entscheidenden Wendepunkt – Il restauro di palazzo Tondü ad una svolta decisiva. Ein ambitionierter Ideen-Wettbewerb soll die Zukunft der alten Gemäuer sichern. Das Communiqué im originalen Wortlaut (oder in italienischer Sprache):

Die imposante weisse Silhouette eines stattlichen Gebäudes dominiert die Kirche des Dorfes Lionza im oberen Centovalli, auf 775m Höhe und 20 km von Locarno entfernt, gegenüber den schroffen Gipfeln des Ghiridone. Es handelt sich um den Palazzo Tondü, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von einer in das Herzogtum Parma emigrierten einheimischen Familie erbaut wurde und später in das Eigentum der Grundbesitzer des Dorfes überging, die ihn über zweihundert Jahre lang verwalteten. Der Palazz, so der heutige Name, den die Bewohner der Region verwenden, hat die Jahrhunderte ohne nennenswerte Eingriffe überstanden, ohne dass sich sein Ursprungszustand verändert hätte: Dieses aussergewöhnliche Zeugnis der Tessiner Auswanderung nach Italien ist daher logischerweise Teil der auf kantonaler Ebene geschützten historischen Denkmäler. Die Gestaltung des Bauwerks, das aus drei miteinander verbundenen Gebäuden besteht und sein architektonischer Wert verleihen ihm einen einzigartigen Charme. Die Stiftung Casa Tondü in Lionza, derzeitige Eigentümerin des Palazzo, möchte ihm seinen früheren Glanz zurückgeben, indem sie einen Ideenwettbewerb ausschreibt, bei welchem seine zukünftige Funktion und Verwaltung definiert werden soll. Abgesehen von den offensichtlichen patrimonialen und historischen Gründen, die die Stiftung dazu veranlasst haben, Projekte ermitteln zu wollen, gibt es auch Gründe, die mit der sozioökonomischen Entwicklung des Centovalli zusammenhängen. Unterstützt wird sie zudem von verschiedenen kantonalen Stellen und der Gemeinde Centovalli. Unabhängig von der genauen Bestimmung der Struktur, die der Wettbewerb ermitteln will, könnte die Renovierung des Gebäudes ein Pluspunkt im touristischen Gesamtangebot der Region sein, in der Projekte dieser Grösse fehlen. Die Phasen der Restaurierung und die Vorbereitung des Palazz auf seine neue Rolle werden von der Stiftung verfolgt und gestützt und vom öffentlichen Sektor unterstützt. Der Wettbewerb soll Vorschläge von jedermann sammeln, der bereit ist, sich auf ein anregendes Abenteuer einzulassen, das die Nutzung eines historischen Gebäudes und die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Stiftung verspricht. Diese garantiert die besten Nutzungsbedingungen.

Der Wettbewerb findet vom 18. Juni bis zum 30. November 2020 statt und ist mit 20’000 Franken dotiert, um dem siegreichen Teilnehmer die Möglichkeit zu geben, seine Vorstellungen der Bestimmung und Verwaltung des Palazzo Tondü zu vertiefen. Die Ausschreibung des Wettbewerbs kann auf der Seite www.palazzotondu.ch heruntergeladen werden, wo man alle nötigen Informationen für die Teilnahme findet. Während des Sommers werden denjenigen die dies wünschen, verschiedene Besuchsmöglichkeiten angeboten. Für weitere Informationen per E-Mail an: fondazione@palazzotondu.ch Die offizielle, bebilderte Präsentation ist hier zu sehen.

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Nach dem Scheitern des Nationalparkprojekts sind neue Ideen und Projekte für das Centovalli dringend gefragt. Ein Tal-Museum gibt es zwar schon in Intragna und die Accademia Dimitri ist seit langem in Verscio beherbergt. Vielleicht sind es auch die fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel zu den Dörfern Lionza, Borgnone, Costa, Moneto, Palagnedra und Bordei, die mehr Leben und Tourismus ins Tal bringen könnten. Auch Einkaufsmöglichkeiten fehlen nach Intragna westwärts fast vollständig. In der vom Corona-Virus bewegten Zeit denken viele Menschen über ein Leben abseits der überteuerten und überfüllten touristischen Zentren nach. Doch es braucht Infrastruktur – auch schnelles Internet – um die Menschen in die wilde Schönheit der Centovalli zurückzuholen, mit Arbeitsplätzen und bezahlbarem Wohnraum.

Du hast Ideen? Bereit für einen grossen Wurf? Dann nichts wie los und auf zum Palazz!

Eine Zukunft für Rasa

Nun ist es soweit, alea jacta sunt. Über das neue Seilbahnprojekt zwischen Verdasio und Rasa wurde am 27. Mai entschieden.

Die Jury des Architekturwettbewerbs für den Entwurf des neuen Seilbahnprojekts vergab den ersten Preis für die „Umbrela“ genannte Studie des Architekten Francesco Buzzi aus Locarno. Der zweite Preis ging an das Projekt „PAESAGGI“ der Architekten Nicola Baserga und Christian Mozzetti aus Muralto. Die Gemeinde erwarb jedoch schlussendlich das Projekt „Ein Gebäude beginnt immer bei den Fundamenten“ von HOMA Architetti (Architekten Dario Martinelli und Michel Roncelli) aus Muralto.

Das Projekt „Umbrela“ des Architekten Francesco Buzzi sieht in jeder der beiden Stationen ein einfaches Vordach vor, das die elektromechanischen Systeme und die in einer Glaskabine enthaltenen Servicebereiche abdeckt. Der Vorschlag habe durch seinen infrastrukturell einheitlichen Charakter überzeugt, schreibt die Gemeinde Centovalli in ihrem Communique.

Die Jury unter dem Vorsitz von Bürgermeister Ottavio Guerra setzte sich aus Ewan Freddi und den Architekten Michele Arnaboldi, Paolo Canevascini und Francesca Pedrina als Mitglieder sowie den Architekten Bruno Buzzini und Gustavo Groisman als Stellvertreter zusammen. Das Wettbewerbsverfahren wurde vom Architekten Fabio Giacomazzi mit Unterstützung des Ingenieurs Reto Canale, Projektleiter für die Erneuerung der im Centovalli-Gebiet befindlichen Seilbahnen, und des Rechtsberaters Daniele Graber koordiniert.

Die virtuelle Ausstellung der verschiedenen Projekte ist ab 10. Juni 2020 auf http://www.centovalli.swiss einsehbar.

Mehr zur Vorgeschichte der Bergbahn findest Du im Blogbeitrag „Kleine Bahn mit grossen Plänen“.

Der Räuber von Borgnone – Geschichte und Legende

Im schönen Bildband der «Associazione Pro Centovalli e Pedemonte» von 1988 habe ich eine spannende Geschichte von Prof. Daniele Maggetti gefunden und diese so gut wie mir möglich ins Deutsche übersetzt. Die Zeiten der Cholera-Epidemien sind auch eine Brücke zur aktuellen Corona-Krise.

«Aus einer Urkunde zum Tessiner Besuch des Bischofs Giovan Ambrogio Torriani, 1669-1672 sowie aus den Archiven des Kardinal Federico Visconi hat Don Giuseppe Gallizia, Archivar der Kurie von Lugano, die Dokumente gelesen und so zusammengefasst: „Der Ehrwürdige Pfarrer ermahnt vom Altar aus die Art und Weise, wie man sich in der Kirche zu betragen hat, keine Waffen oder Hüte auf dem Kopf in Gegenwart des Sakraments Gottes zu tragen (…) und dass während der Verbreitung der christlichen Lehre und anderer kirchlicher Vorgänge keine Gastfreundschaft gegenüber Schaulustigen gewährt werden darf“: Trotz ihrer Eindringlichkeit haben die Worte von Bischof Torriani nach einem Pastoralbesuch in Borgnone wahrscheinlich nicht die erwarteten Wirkungen erzielt.

Was sich daraus erahnen lässt, bestätigt, was sich auch aus den Schriften von Karl Viktor von Bonstetten und der Dichterin Friederike Brun ableiten lässt: die Erde der Centovalli nährte (wenn auch nur wenig…) eine harte und isolierte Bevölkerung, die so wild war und leichter zu Gewalt neigte als zu Kompromissen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das örtliche Gedächtnis – ohne historische und chronologische Anhaltspunkte, um den Zugang zur vagen Zeitlichkeit der Legenden zu erleichtern – einige Ereignisse bewahrt hat, die sich auf Raubüberfälle konzentrierten und um Figuren herum aufgebaut wurden, die von einem für gewisse kriminelle Handlungen typischen Heiligenschein von Anziehung und Abstoßung umgeben sind.

Am Fuße der Centovalli haben Generationen von alten Männern die traurigen Taten von Ghiga oder Scigolett erzählt und sie zu fragwürdigen Helden gemacht, auch wenn ihre Taten nichts Lobenswertes hatten. Es waren nicht die „guten“ Robin Hood-Räuber, wie der schräge „Passator cortese“ oder der berühmte „Sozialbandit“ Mattirolo di Vacallo, der zwischen 1813 und 1902 lebte. Es war, als ob man die schmerzliche Abwesenheit von Ruhm im Tal ausgleichen wollte. Da es unmöglich war, Bewunderung zu wecken, liessen sich so zumindest einige Schauer der Angst hervorrufen.

Über Ghiga, einen Bandit, dessen Spuren in Camedo erhalten geblieben sind (dank einer wenig zugänglichen Höhle, der „Balm“, die sein Unterschlupf gewesen war), werde ich nichts schreiben; seine Geschichte ist bereits an anderer Stelle veröffentlicht worden. Ich möchte stattdessen die Abenteuer von Scigolett (Pietro Maggetti), erzählen, die mir bis heute aus mündlicher Überlieferung geblieben sind.

Kirchhof Borgnone

Der zentrale Schauplatz des Geschehens ist eine Taverne in Borgnone. Vor dem Bau der Fuhrstraße ging Ende des 19. Jahrhunderts der Saumpfad, der vom Valle Vigezzo nach Locarno führte, mitten durch das Dorf, das trotz seiner ständigen Verkleinerung (1824 z.B. hatte es etwa dreißig Einwohner) als Zentrum der Terre di Solivo diente. Es kamen also viele Menschen aus Italien, und diejenigen, die dorthin fuhren, machten einen letzten Halt vor dem Piemont. Die Sagolett (den Ursprung des Begriffs kenne ich nicht – es gibt Leute, die von einer Uhr sprechen, die ein Schlingel auf der Weste trug, daher der Spitzname) übten den Beruf der Herbergsleute in einer familiär geführten Taverne aus, die vielleicht in den oben erwähnten bischöflichen Kirchenbann geriet, die aber bei denjenigen, die dort aßen, durchaus Vertrauen erweckte. Das Haus stellte auch ein Bett für die Nacht zur Verfügung. Die unglücklichen Reisenden, vor allem wenn sie etwas Geld in der Tasche hatten, wurden dann mittels einer seltsamen Vorrichtung, einer Art rustikaler Guillotine, deren Klinge in der Dunkelheit auf die ahnungslosen Hälse der Gäste fiel, barbarisch abgeschlachtet. Nachdem die Leichen verschwanden, oft in den Kellern, ging alles weiter, als ob nichts geschehen wäre; die Abgeschiedenheit des Ortes und die Umsicht der Übeltäter erstickten jeden Verdacht.

Aber die Scigolitts (was im Plural eher den Eindruck einer organisierten Bande, als den eines einzelnen Individuums erweckt) beschränkten sich nicht auf das Blutvergießen innerhalb des Hauses. Sie zögerten nicht, Passanten anzugreifen, die sie für reich hielten. Ein armer Mann von Olgia oder Folsogno, der den ganzen Weg nach Borgnone kam, um den Pfarrer zu bitten, einige Hemden für kranke Menschen, die jenseits der Grenze lebten zu segnen (in einer Art Krankenhaus-Lazarett, das es in der Zeit von Epidemien und der drohenden Cholera gab, um die Ansteckung an der Grenze zu stoppen), wurde vom Gastwirt verfolgt und getötet … für eine Beute von ein paar Cents! Als Spezialisten für alle Arten von Diebstählen stahlen die Kriminellen bei einer anderen Gelegenheit ein dickes Kalb aus der Gegend von Rovedana in der Nähe von Lionza und machten daraus bald ein üppiges Bankett. Zum Thema Vieh (Grundlage der damaligen Wirtschaft) sei erinnert, dass sie einmal von den Bewohnern Olgias eine rötliche Ziege gestohlen haben. Zurück und allein im Haus, aber überrascht von den Eigentümern, die gekommen waren, um ihr Vieh zurückzuholen, ging die Ehefrau oder Mutter des Tavernenbesitzers schreiend auf die Terrasse hinaus, wo sie mit einer Donnerbüchse zum Schweigen gebracht wurde und für einige der unter ihrem Dach begangenen Missetaten bezahlen musste.

Blick auf Borgnone

Der unglückliche Mann hielt noch einige Jahre durch. Es gab in der Region seltsame Gerüchte und Gemurmel, aber niemand wagte es, den Scigolett anzuprangern, aus Angst und weil sein entschlossenes Gesicht entwaffnend war. Er wurde mit seiner Antwort an Leute zitiert, die ihm in Corcapolo, wo man ihn bereits kannte, rieten das Weite zu suchen: „Wer wehtut, hat keine Angst“.

Am Anfang nach seiner Verhaftung meinten einige, das Verbrechen hätte seine Spuren auch in der eigenen Familie hinterlassen. Ein Neffe, der nach Frankreich ausgewandert und nach Hause zurückgekehrt war, entging der tödlichen Behandlung der Scigollits nicht.  Sie hatten in diesem gut gekleideten Besucher ihren Verwandten nicht wiedererkannt. Die Mutter des Opfers kam zu spät in die berüchtigte Taverne und verbrachte ihr Leben in Verzweiflung damit, von Crignola aus, wo sie lebte, die Grabstätte des Sohnes zu beweinen: Dies war das Ereignis, das im Scigolett Reue auslösen und Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte. Aber anderen zufolge seien die Behörden durch einen Fremden aus ihrem Schlaf geweckt worden… Jedenfalls irrte der Bandit, einmal entdeckt und zur Flucht gezwungen, eine Weile umher und wählte aus seinen Verstecken den Dachboden der Kapelle des Salèe auf dem Weg nach Lionza. Vogelfrei entkam er mehrmals den Gendarmen. Eine berühmte Episode besagt, dass der Scigolett, als ihm jemand zur Kapitulation riet, „auch die alten Füchse werden geschnappt“, lakonisch geantwortet hätte: „Aber nicht mit diesem Pelz“. Von einer Patrouille umzingelt musste er auf eine Brücke fliehen, ist über die Brüstung gerutscht ist und so davongekommen. Er wurde später gefasst, es ist nicht bekannt, unter welchen Umständen. Nach einem langen Prozess, in dem er nicht weniger als 32 Morde gestanden haben soll, wurde er zum Tode verurteilt, es wird gesagt, zum Erhängen in Giubiasco, es wird aber auch gesagt – vielleicht in Erinnerung an seine Methoden – zur Enthauptung in Losone. Was von ihm übrig blieb, jenseits des Ruhmes, war eine geheimnisvolle Erscheinung, ein Geist oder eine Seele im Schmerz, ganz in rot gekleidet (einige sahen darin eine kirchliche Figur), die sich manchmal in der Nacht zwischen den Kiefern in der Nähe der Kapelle des Salèe erhob.

Am Weg der Via Mercato

Von all diesen Ereignissen glaubte ich lange Zeit, es handele sich um nichts anderes als die lokale Wiederbelebung einer Legende, die verschiedenen europäischen Kulturen gemeinsam ist. Zum Beispiel die Episode des „irrtümlichen“ Mordes an einem Mitglied der eigenen Familie ist auch die Handlung einiger französischer Volkslieder oder des Theaterstücks «Le Malentendu» von Albert Camus sowie mündlicher Überlieferungen, die über den Atlantik, insbesondere in Südamerika, weitergegeben wurden.

Neugierde und Zufall haben mir nun Elemente geliefert, die mich nicht nur daran hindern, so kategorisch zu sein, sondern mich auch glauben lassen, dass sich die historische Grundlage der Ereignisse nicht allzu sehr von dem unterscheidet, was erzählt wird. Der Name „Scigoleta“ (wie auch der von „Ghigheta“) taucht in den Kirchenbüchern von Borgnone zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf, und bestimmte Verschwundene, einige schlimme Todesfälle, die zwischen den Zeilen desselben gelesen werden können, scheinen die Wahrheit der Tatsachen zu bestätigen, unterstrichen durch das Echo eines immer noch mysteriösen Strafprozesses, der um 1825 angesiedelt wird. Es ist wahrscheinlich, dass sich in der mündlich überlieferten populären Version die von einer Gruppe von Übeltätern begangenen Taten, die sich vielleicht auf mehrere Generationen und mit Sicherheit auf mehr als eine Familie erstrecken, in einer einzigen Person konzentrieren und damit ihre Tragweite übertreiben. Meine Hypothese ist die einer „Sippe“ der Scigolitts (die Häufigkeit des Plural, von dem ich bereits gesprochen habe, ist nicht zufällig), einer heterogenen Bande von Banditen, die vielleicht durch eine Verwandtschaft verbunden sind (angesichts des hohen Endogamiegrades, der unsere Regionen in den vergangenen Jahrhunderten kennzeichnete, nicht überraschend), die die prekäre politische Lage in den Anfangsjahren des Kantons Tessin, die juristischen Lücken, die geographischen (Grenznähe, Isolation) und sozialen Bedingungen (geringe Präsenz von Männern, bedingt durch die Emigration) ausnutzte, um sich ohne Skrupel durchzusetzen. Eine sorgfältigere historische Untersuchung sollte es ermöglichen, das Gesicht, die Anzahl und die Handlungen derer zu bestimmen, die sich hinter einem Namen verbergen, der seit mehr als anderthalb Jahrhunderten den Umwälzungen des Fortschritts, den neuen Straßen, der Entvölkerung und der Eintrübung der Erinnerungen standgehalten hat.»

Beitrag von Prof. Daniele Maggetti, 1988 – erschienen im Bildband der «Associazione Pro Centovalli e Pedemonte», Intragna

Der in Lausanne lebende Prof. Daniele Maggetti – Directeur du Centre des littératures suisses romandes (CLSR), hat mir kürzlich geschrieben, dass er seither weitere historische Recherchen durchführen konnte, die es ihm ermöglicht haben, viel mehr über die WIRKLICHE Geschichte der „Räuber“ zu erfahren und sie weit detaillierter zu beschreiben. Bleiben wir gespannt, was da noch an gruseligen Details ans Licht gelangt… Und vielen Dank an ihn für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Textes in meinem Blog!
2015 hat er die Geschichte auch in seinem Roman „La Veuve à l’enfant“ (ins Italienische übersetzt als „La vedova col bambino“) sehr realitätsnah erzählt. Ein weiteres Buch (2019) aus den Centovalli „Une femme obscure“ erzählt eine Geschichte inspiriert von seiner Grossmutter, die in meinem Nachbarhaus lebte. Schade, dass die beiden Romane nicht auf Deutsch übersetzt wurden…

Seltsames Konstrukt in Borgnone

Die Geschichte und Legende um Scigolett und Ghiga wurde 2012/2013 von Kurt Hutterli (Autor) und Dimitri (Idee) im Geschichtenzug durch die Centovalli erstmals in Szene gesetzt. 100Valli – 100Ricordi, ein unvergesslicher Theaterspass, der 2019 eine Nachfolge-Inszenierung fand.

Für manche sind die Grenzen offen…

Tatsächlich, der aus dem arabischen Raum und Indien stammende Goldschakal (canis aureus) wurde in diesen Tagen erstmals im Centovalli gesichtet. Das untenstehende Bild des zur Familie der Hundeartigen gehörenden Goldschakals ist zwar bereits einige Jahre alt. Trotzdem liegt die Vermutung nahe, dass der Corona-Lockdown auch auf die Tierwelt seinen Einfluss hat.

Ich selbst beobachte dies auf der Wiese vor meinem Haus. Steinmarder sind hier langjährige Gäste – und Plaggeister. Aber in den letzten zwei Monaten tauchte auch regelmässig ein Fuchs auf und fast ebenso häufig ein ausgewachsener Dachs. Letzterer behandelt die Wiese als Miniatur-Wildschwein. Das Vertikutieren bleibt einem somit erspart…

Ein Goldschakal tappt in eine Fotofalle, in der Surselva im Bündner Oberland, am 27. Dezember 2015. In Graubünden ist erstmals das Auftreten eines Goldschakals nachgewiesen worden, wenn auch auf unglückliche Weise: Ein Jäger im Bündner Oberland verwechselte das Raubtier mit einem Fuchs und erschoss es. Nachdem der Grünrock seinen Irrtum realisiert hatte, zeigte er sich selbst bei der Wildhut an, wie das kantonale Amt für Jagd und Fischerei am Mittwoch, 13. Januar 2016, mitteilte. Beim erlegten Tier handelte es sich um ein junges Männchen. Ein Goldschakal war bereits am vergangenen 27. Dezember im Bündner Oberland in eine Fotofalle getappt. Ob es sich dabei um das gleiche Tier handelte, ist unklar. Für die Schweiz ist es der erste körperliche und der zweite fotografische Nachweis dieser Tierart. Der Goldschakal ist ein mittelgrosser Vertreter der Hundeartigen und steht mit einem Körpergewicht von 8 – 15 kg zwischen Fuchs und Wolf. (Foto und Text: Amt für Fischerei und Jagd Graubünden)

In der Zeitung „Schweizer Bauer“ lese ich: „Die Klimaveränderung, die Abnahme natürlicher Feinde und die grosse Fortbewegungsfähigkeit des Tieres begünstigen die Ausbreitung. Da der Schakal natürlich in die Schweiz eingewandert ist, gilt er gesetzlich als einheimische Tierart und steht unter Schutz, genau wie der Bär, der Wolf und der Luchs. Der Goldschakal (Canis aureus) gehört zur Familie der Hundeartigen, deren Verbreitung sich von Südostasien über den Mittleren Osten bis nach Europa erstreckt. Er sieht aus wie ein mittelgrosser Hund mit einem dicken Fell und ist völlig harmlos. Er steht mit einem Körpergewicht von 8-15 Kilogramm zwischen Fuchs und Wolf. Die Nahrung des Allesfressers setzt sich aus kleineren bis mittleren Wirbeltieren, Insekten und Früchten zusammen. Er kann auch Schafe und Ziegen reissen. Der Goldschakal lebt in der Regel paarweise oder in kleinen Rudeln und hat ein hoch entwickeltes Sozialleben. Zu seinen natürlichen Feinden gehört der Wolf. „

Hier ein interessanter Artikel aus der NZZ am Sonntag vom 3. März 2020.

Die Stiftung Kora meint, die Präsenz des Goldschakals zeige, dass das Tessiner Ökosystem sehr stabil sei und über eine grosse Artenvielfalt verfüge.