Das grosse Nummernquiz – Ostereiersuche für den Postboten

Klar, es gibt Vorschriften! Und wenn die grossen Städte im Tessin Strassennamen und Hausnummern tragen, gilt das auch für die entlegenen Bergdörfer der Centovalli. Die letzten tausend Jahre ging es zwar ohne – es gab drei oder vier Quartiere im paese, z.B. Bagnadù, Curiola, Culunz und wie sie alle heissen. Gestresst waren die Postboten damals nur in den Sommerferien, wenn sich plötzlich all die leerstehenden Häuser mit Menschen belebten. Doch nun soll die Post abgehen. Dazu wurde wohl ein Wettbewerb unter den Lehrlingen des Vermessungsamtes durchgeführt, wer die rätselhafteste Nummern- und Namensgebung ausklügeln könnte. Vor Ort wurde dies bestimmt nie geprüft, sondern direkt ins Grundbuch eingetragen wie der Plan zeigt.

Am Beispiel von Costa Borgnone

Du kannst den Plan mit Mausklick vergrössern und mal die Nummer 9 an der Via Culunz suchen. Die Hausnummern sind ganz klein auf den Hausparzellen eingetragen. Tipp: Das Haus liegt vis à vis von Nummer 26.

Wenn in so einem kleinen Dorf eine Strasse als Verlängerung einer anderen beginnt, ist man ohne Strassenplan aufgeschmissen.

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Aber schön sind die Haustüren allemal anzusehen. Nummern hin oder her. Im Moment besteht das Problem einzig darin, dass kein Lieferdienst – und sie (DHL, DPD, UPS) rasen alle durchs Tal – die Strassennamen kennt: Mit der Konsequenz, dass Pakete tatsächlich an den Absender retourniert werden. Empfänger unbekannt. Das gab’s früher nie! Ich habe von Bewohnern gehört, die ihre neue Hausnummer kurzerhand abmontiert und der Gemeinde zurückgebracht haben. Es herrschen halt rauhe Sitten im Tal! Und alle haben selbst in diesen grauen Novembertagen etwas zu erzählen und etwas zum Lachen.

Möchtest Du Deine Haustüre ebenfalls in diesem Blog zeigen? Oder eine andere schöne Haustüre aus dem Centovalli? Schick mir ein E-Mail mit einem hochformatigen Bild an info@centovalli-tessin.ch

Ab 1. Januar 2020 tritt eine neue Abfall-Verordnung in Kraft. Nebst den Grundgebühren für Abfall zu Lasten der Hausbesitzer müssen neu taxpflichtige Abfallsäcke für das Centovalli erworben werden. Die Verordnung in italienischer Sprache findest Du hier. Die Gebühr für einen 35l-Sack beträgt CHF 1.20, was für schweizerische Verhältnisse relativ günstig ausfällt. Die Kehrichtsäcke sind vorderhand nur am Kundenschalter der Comune delle Centovalli zu den üblichen Öffnungszeiten erhältlich.

Kleine Bahn mit grossen Plänen

Letztes Jahr fiel mit dem 60. Geburtstag die Altersguillotine für das wohl bekannteste Bergbähnchen im Centovalli. Die Betriebs-Lizenz war abgelaufen und die Betreiberin der Centovallina (F.A.R.T.), der Zugsverbindung zwischen Locarno und Domodossola, verzichtete wohl aus betriebswirtschaftlichen Gründen auf eine Weiterführung der Gondelbahn. Ja, man sieht der geliebten Blechbüchse das Alter schon etwas an und wenn man mit den maximal möglichen 8 Personen eingezwängt über die Masten hochschaukelt, machen sich stets ein leichtes Kribbeln im Bauch und weiche Knie bemerkbar.

60 Jahre und nur ein paar Beulen…

Zum Glück wirst Du dann oben freundlich empfangen und darfst das Billet auch noch nachlösen, falls es unten beim Automaten nicht geklappt hat. Der Mann, der unzertrennlich zu dieser Bahn gehört, heisst Marco Stauffer. Seit bald 25 Jahren überwacht er Tag für Tag die Sicherheitskameras, schliesst die Türen und läutet das schrille Glockensignal, das die Abfahrt anzeigt. Ich hoffe sehr, dass Marco auch in Zukunft einen Arbeitsplatz bei der Funivia finden wird. Er gehört noch nicht wie „seine“ Bahn zum alten Eisen und 25 treue Dienstjahre wollen auch gewürdigt sein.

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Doch wie geht es weiter im nächsten Jahr? Müssen die Messdiener wie vor 1958 von Intragna zur Kirche nach Rasa hochsteigen? Ein historischer Beitrag aus den Archiven von Radio SRF schildert den Wandel des Bergdorfes in die Neuzeit dank dieser Bahn:

Drücke auf „play“ und mach eine Zeitreise 60 Jahre zurück!

Die abgelaufene Betriebslizenz wurde bereits ein Jahr verlängert, um eine neue Lösung zu finden. Eingesprungen ist die Comune delle Centovalli, die zukünftig als Betreiberin verantwortlich zeichnen wird. Ein kluger Zug, denn die Bahn erschliesst nicht nur Rasa mit den umliegenden Weilern, sondern sie ist wohl die bekannteste touristische Attraktion im Tal. Gleichzeitig wurde von der Gemeinde auch die Sanierung des kleinen Bähnchens von Intragna nach Costa s./ Intragna in die Wege geleitet. Am 14. Oktober wurden die verschlossenen Offerten zur Erneuerung der beiden Infrastrukturen geöffnet. Wir sind gespannt, wer den Zuschlag für die Bauten im Frühjahr 2021 erhält. Die Bahn wird Ende 2020 abgebaut und den Betrieb möglicherweise für längere Zeit einstellen. Neuigkeiten werde ich hier nachtragen.

Wer nostalgisch noch ein bisschen mehr von der Seilbahn sehen möchte, ist mit dem wunderschönen Fan-Video von stahlseil.ch sicher gut bedient…

Last but not least die Kontaktnummern der drei Seilbahnen im Centovalli:

Funivia Verdasio – Rasa
Tel. 091 798 12 63 (Stazione Rasa)
Tel. 091 798 11 33 (Stazione Verdasio)

Funivia Verdasio – Monti di Comino
Tel. 091 798 13 93
Mobile: 079 415 11 45

Intragna – Pila – Costa
Tel. 091 796 12 43 (Stazione inferiore)
Tel. 091 796 11 27 (Stazione superiore)

Vielen Dank Marco für 25 Jahre tollen Service!

Und noch ein Foto, das mir der Schriftsteller und Künstler Kurt Hutterli aus dem Okanagan Valley im Südwesten von Kanada im Zusammenhang mit untenstehendem Kommentar zusandte:

Endlich auf dem Pizzo Leone

Das markante Dreieck des Pizzo Leone ziert die Ausläufer des Monte Gridone und ist auf jedem Centovalli-Webcam-Bild gut sichtbar. Und doch ist er so unscheinbar, dass ich mir den „Spaziergang“ auf diesen Hügel in mehr als dreissig Jahren Centovalli-Ferien immer für später aufgehoben habe. Kurz vor den erwarteten grossen Regenmengen im Oktober habe ich den Weg in den letzten Septembertagen endlich unter die Füsse genommen.

Sicht von Costa Borgnone

Der Leone (1659 m. ü. M.) ist sowohl von der Seite des Lago Maggiore (Ronco sopra Ascona) als auch vom Centovalli her begehbar. Von der Bahnstation Verdasio geht es mit der Funivia nach Rasa und von dort in den spätsommerlichen Buchenwald. Aber hoppla, getreu nach dem Tessiner Wandermotto (su e giù) läufst Du nun während zweieinhalb Stunden fast 900m aufwärts. Da im Wald ohnehin nichts zu sehen ist, stapfe ich in Gedanken versunken bergauf. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch und die Angst vor einsetzendem Regen treibt mich voran. Endlich gibt der Blick über die Krete den Lago Maggiore frei und das felsige Schlussstück erinnert doch noch an eine Bergwanderung.

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Geschafft! Mein Respekt vor diesem harmlosen grünen Dreieck ist enorm gewachsen. Der Aufstieg erschien mir eher strenger als der Weg von der Seeseite (Mergugno oberhalb Brissago) zum Monte Gridone. Auch die viereinhalb Stunden Wanderzeit liegen nicht weit unter dem Zeitbudget für den Gridone (5.20 Std.). Wer es etwas leichter nehmen will, kann den Weg von Ronco sopra Ascona versuchen – mit Seesicht während des Aufstiegs. Bis der erste Schnee fällt, ist diese Wanderung auch später im Jahr noch ein tolles Erlebnis!

Und wer das Ziel erreicht, darf sich im Gipfelbuch eintragen.

Woher der Monte Gridone seinen Namen hat

Der Berg hoch über der rechten* Talseite der Centovalli hat drei Namen: Monte Limidario, Grenzberg zwischen der Schweiz und Italien, wird auch Gridone oder Ghiridone genannt. Bei gewissen Wetterlagen soll ein Wehklagen und Rufen aus den schroffen Felsformationen zu hören sein. Eine alte Tessiner Sage erzählt, wie es dazu kam. Der Schriftsteller Walter Keller 1882–1966, hat in seinen „Tessiner Sagen und Volksmärchen“ die Geschichte nacherzählt.

„Der Gridone ist ein Gebirge am Langensee, das bei Ronco und Brissago emporsteigt und in das Tal von Cannobio hinunterschaut. Bei Losone ist einer seiner wichtigsten Ausläufer. Sein Name Gridone rührt von folgender Sage her:

Zwischen den Dörfern Losone und Golino. die beide zu Füßen dieses Berges liegen, herrschte seit alter Zeit her Streit, wem von beiden der Wald, genannt Terrasca, gehören solle, und wo die Grenze beider Gemeinden sich befinde. Schliesslich kam man nach langem Streiten überein, jedes Dorf sollte den ältesten und angesehensten Mann auswählen. Diese beiden sollten einander entgegengehen und da, wo sie sich träfen, sollte für immer die Grenze sein.

Nun suchte es aber der älteste Mann von Losone ganz schlau anzustellen. Er ging heimlich auf den Kirchhof, nahm eine Handvoll Erde und streute sie in seine Schuhe. Dann zog er diese an und machte sich auf den Weg, um den Berg herum gegen Golino, gefolgt von einer Schar Leute aus seinem Dorf, die ihn begleiteten. Bei jedem Schritt rief er aus: «Die Erde, auf der ich gehe, gehört zu Losone.» Und so gelangte er schließlich bis ans andere Ende des strittigen Waldes Terrasca, wie die einen behaupteten, bis an den Bergbach Riale, indem er seinem Gegner ein Stück Land raubte, das eigentlich zu Golino gehörte. Sie begegneten sich am Ende des Waldes, und das Männchen von Losone sagte: «Bis hierher geht unser Land.» Der andere wollte es nicht glauben. Da nahm der Losonese die Erde aus seinen Schuhen und sagte: «Siehst du jetzt, dass ich auf meinem Boden hin?» Der andere musste es wohl oder übel glauben, aber gerecht war die Sache nicht.

Als später das alte Männchen aus Losone starb, wollten weder Gott der Herr noch der Teufel seine Seele annehmen, so daß diese in jenen Wald Terrasca zurückkehrte und dort als böser Geist umging, welcher durch sein klägliches Rufen, das man dort hörte, den Leuten Angst und Schrecken einjagte. Die Leute wollten mit der Zeit nicht mehr durch jenen Wald gehen, selbst die Hirten und auch die Kühe und Ziegen sprangen in großen Sätzen davon, wenn sie die unheimlichen Klagetöne im Wald vernahmen. Sogar die Bewohner von Pedemonte jenseits des Flusses hörten von Zeit zu Zeit ein Schreien. Schliesslich liess man den Pfarrer kommen, der die arme Seele beschwor und den Wald segnete, worauf sich der Geist auf die schroffen Felsen und die höchsten Zacken des Gridone zurückzog, von woher man jetzt noch von Zeit zu Zeit ein Rufen vernimmt. Dieses Schreien hört man in der Tat sehr wohl in Cavigliano, das gegenüber dem Gridone liegt, und besonders deutlich dann, wenn der Wind von Süden her weht.

Von diesem Schreien (gridare) hat der Berg Gridone seinen Namen erhalten.“

Walter Keller: Tessiner Sagen und Volksmärchen – mit Illustrationen von Aldo Patocchi, 1981, EDITION OLMS ZÜRICH, vergriffen. Publiziert mit freundlicher Genehmigung von Herrn Manfred Olms, Verlag Edition Olms AG, 8618 Oetwil am See/Zürich

Abendstimmung über dem Monte Limidario

*orographisch

Spätsommer im Tal

Das Becken im wilden Bach ladet nicht mehr zum Bade…

Es ist kalt geworden im Centovalli. Zwar nicht aussergewöhnlich, aber ich bin es nach diesen Hitzesommern – die auch die Dörfer in den Alta Centovalli nicht verschonten – nicht mehr gewohnt, anfangs September zu frieren und die Wollpullover aus dem Schrank zu holen. Und es hat geregnet. Unglaubliche Wassermengen schiessen bei den starken und nicht enden wollenden Gewittern ins Tal. Der Rückruf der Gemeinde Centovalli, dass die sommerliche Wasserknappheit beendet sei, mutet dabei fast seltsam an. Das Wetter kann es einem einfach nie recht machen…

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… auch den schönen alten Steindächern nicht. Bei solchem Extremregen, Sturm, Wind und Hagel dringt fast überall etwas Wasser ins Haus. Letzte Gelegenheit, die selten gewordenen Spezialisten zu suchen, welche die Lecks in den Dächern finden und flicken. Das Eternitdach wäre da sicherer, aber wohl kein echter Ersatz für den Steinhausbau. Schönheit muss leiden, zumindest monetär, denn ein neues Steindach kostet heute schnell einmal mehr als 100’000 Schweizer Franken.

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Von den aufgeweichten Böden profitiert noch eine anderes Spezies. Ja, sie sind wieder unterwegs, die Cinghiale oder zu deutsch die Wildschweine und sie suchen nach verborgenen Schätzen unter der Erde. Immer näher kommen sie den Dörfern, bevorzugt in Gruppen, aber meist unsichtbar. Kurt Hutterli schreibt in seinem Blog „Von Tal zu Tal“ noch von intimeren Begegnungen – mit Bären im Okanagan Valley. Da sind wir doch fast wieder zufrieden mit den kostenlosen Umgrabe-Arbeiten.
1981 wanderten die ersten Tiere aus Italien ins Tessin. Die rasante Vermehrung der Cinghiale begünstigt auch die regionale Jagd. Bis zu 1500 Tiere werden jährlich erlegt. Das eine oder andere arme Schwein dürfte danach auf unseren Tellern landen.

foto Lory Mutta

Ein sicheres Dach über dem Kopf haben die ältesten Einwohner der Centovalli. Seit 90 Jahren gibt es die „Fondazione Casa Anziani Regionale San Donato“ in Intragna. Zum 90-jährigen (Altersdurchschnitt der Bewohnerinnen und Bewohner?) Jubiläum gibt es am 28. September 2019 ein grosses Fest und eine Ausstellung. Wer sagt denn da, es sei nichts los im Tal. Nichts wie hin und eine Runde tanzen. Da öffnen sich die Herzen der Tessiner auch für Deutschsprachige.

Die Wetterfrösche meinen, es soll wieder wärmer werden. Mit den Wetterprognosen in den Tälern des Locarnese ist es allerdings so eine Sache. Zieht das Gewitter aus dem Valle Vigezzo ins Onsernonetal oder doch ins Centovalli? Oder kommt es vom See über den Gridone? Niemand kann das so genau vorhersagen. Immerhin gibt es eine Wetterstation in Intragna und eine in Costa Borgnone mit 4-Tage-Prognosen, die man vor Wanderungen im Tal konsultieren sollte. Rückblickend findest Du alles in meinen grafisch aufbereiteten Wetterstatistiken, die mir jeweils freundlicherweise von MeteoGroup Schweiz zur Verfügung gestellt werden.