Spiritualität in den Centovalli (2)

La Madonna Ungherese di Verdasio

Wer die Via Mercato von Camedo Richtung Intragna erwandert, kann sie nicht verfehlen. Etwas ausser Atem vom langen Aufstieg nach Verdasio, leuchtet einem in schönen Tessiner Farben das Bildnis der «Madonna Ungherese» entgegen. Unter dem Marienbild ist zu lesen: „Vero ritratto del imagine miracolosa di Paez nel regno di Ungaria laquale l’anno 1696 nel mese di novembre lacrimò più volte sangue ed acqua.“ (Das wahrhaftige Porträt des wunderhaften Bildes von Paez im ungarischen Königreich, das im November 1696 mehrere Male Blut und Wasser weinte.)

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Doch wie kommt ein aus Ungarn stammendes Madonnenbild ins Centovalli nach Verdasio? Wieder war es der Ungar Karl Kerényi (1897-1973), der mir das Geheimnis – zumindest etwas – lüftete. In seiner Eigenschaft als Kulturwissenschaftler, Philologe und Mythologe wanderte er in den Vierzigerjahren durch die Landschaft des Locarnese, die er zu seiner zweiten Heimat erkoren hatte und die er, «wie es Botaniker tun, gerne mit dem alten Namen Insubrien bezeichnete».

Kerényi erkannte eine Verbindung des Marienkults zwischen Ungarn und unserer südlichen Region. «Die Muttergottes von Christinenstadt, in Buda, wurde „Jungfrau Maria der Schornsteinfeger“ genannt und es wurde gesagt, dass sie von einem Handwerker aus dem Süden gebracht wurde.»

Bereits frühere Erforscher der Tessiner Zivilisationsgeschichte (Bonstetten u.a.) beschäftigten sich mit den Verbindungen aus Tessiner Tälern zu zahlreichen Orten in Europa «wo die Schornsteinfeger her kommen, welche Schornsteine in Amsterdam und Rotterdam reparieren». Kerényi schreibt weiter: «Aus ungarischen Briefen vom Ende des 18. Jahrhunderts wusste ich, dass die Art des Heizens und die Bedingungen, unter denen der Winter in den großen aristokratischen Landhäusern verbracht wurde, denen in Ungarn ähnlich waren, wie sie auch im übrigen Mittel- und Nordeuropa herrschten. Wie ich später erfuhr, besteht die Verbindung zwischen Rotterdam und Cavergno, einem Dorf im Maggiatal, dank der Erben der Schornsteinfeger noch heute

Foto © Massimo Pedrazzini Losone „La madonna ungherese di Verdasio“ (vor der Restaurierung der Kapelle)

«Heute erfuhr ich, dass die Pfarrkirche von Christinenstadt Informationen über die Herkunft ihrer Madonna und sogar den Namen des Schornsteinfegers bewahrt hat. Sein Name war Peter Paul Francin, und während der großen Pest von Buda (heute Budapest), unmittelbar nach der Befreiung der Stadt von den Türken, versprach er, falls er überleben würde, mit seiner Familie nach Re, im Valle Vigezzo, zur Madonna des Blutes zu gehen. Er hielt sein Gelübde und brachte 1694, eine Reproduktion zurück. Das bedeutet, dass sich der Schornsteinfeger von Buda dem religiösen Leben in den südlichen Alpentälern nicht fremd fühlte. Seine Herkunft verbindet ihn wahrscheinlich entweder mit dem italienischen Vigezzo-Tal oder vielleicht mit dessen Schweizer Fortsetzung. Verdasio, in den Centovalli, mit seiner «Madonna Ungherese», befindet sich auf dem kürzesten Weg zwischen Re und dem Gotthard-Pass und liegt somit auf der «insubrischen» Straße, die der Schornsteinfeger passieren musste, um Ungarn zu erreichen.» Es wäre also durchaus möglich, dass Paul Francins Wurzeln in Verdasio lagen, wo die Reproduktion schlussendlich ihren Platz gefunden hat.

Bei unzähligen Bildstöcklein und Kapellen war Kerényi immer wieder fasziniert von der Inschrift „In gremio matris sedet sapientia patris“ («Im Schoss der Mutter, liegt die Weisheit des Vaters»). Er siedelte diese Inschrift bei der theologia mystica an, die sich wohl in der Lombardei verbreitet haben könnte, erinnerte sich aber an eine Inschrift aus seiner Heimat Ungarn, unter einem Madonnenbild in der Pfarrkirche von Christinenstadt (heute ein Stadtteil von Budapest). Zum Marienkult schreibt er: «Einige der hervorstechenden und dokumentierten Episoden des Marienkults, im Valle Vigezzo, zwischen Ascona und Re, fanden im 15. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der italienischen Renaissance statt. Acht Jahre vor dem Wunder in Re, ereigneten sich Erscheinungen auf der Straße durch Golino zum Centovalli. Eine schöne Renaissance-Kirche mit einem Portikus, unmittelbar nach Losone, trägt die Inschrift „QVI CANNO MCDLXXXVI APPARVE LA B. V MARIA“ (Hier ist 1486 die Mutter Maria erschienen) … Dies ohne Erwähnung von Blutwundern … Anders verhält es sich mit dem Wunder, das über das bekannte Heiligtum von Re erzählt wird. Das Bild der Madonna, das sich in dieser Kirche befand und bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders verehrt wurde, erlitt durch einen von einem bösen Jungen geworfenen Stein eine Wunde an der Stirn und blutete. In den Tessiner Tälern ist der häufigste Typus der Heiligenbilder in den Kapellen mit dem Zeichen des Blutes und der mystischen Formel versehen…» Dass bei der Madonna in Verdasio nebst den Tränen auch Blut ins Spiel kam, schrieb Kerényi «der mittelalterliche Seele zu, die in Italien mit Blutwundern auf das Heidentum der Hochrenaissance reagierte. … Die Geschichte der geistigen, intellektuellen, religiösen und kulturellen Prozesse läuft hier in einer einzigen Strömung zusammen, die sich von Süden nach Norden bewegt und auf die aus dem Norden kommende trifft. Auf Wikipedia finden sich weitere Erläuterungen dazu *.

Ein letztes Rätsel bleibt auf der Suche nach dem Ursprung des Bildes und des Blutes. Ist Paez nun Pécs oder Pòcs (heute Mariapòcs im Nordosten Ungarns), geht es um Tränen oder Blut und wohin ging die Reise des Bildes? «Das von einem ungarischen Bauern (Csigri) um 1676 auf einen Tisch gemalte Bild verkaufte er für sechs Gulden an einen gewissen Lorenz Hurta. Dieser schenkte es der orthodoxen katholischen Kirche in Pòcs, wo es für zwanzig Jahre blieb, ohne besonders verehrt zu werden. Am 14. November 1696 wurden zum ersten Mal Tränen in den Augen der Muttergottes beobachtet und die Sache wiederholte sich mehrmals bis zum 8. Dezember, dem Tag der Unbefleckten Empfängnis. Die Einwohner von Pòcs behaupten, dass das weinende Marienbild nie von dort entfernt wurde und dass die Muttergottes dort zum letzten Mal im Jahre 1905 geweint habe. Im Wiener Stephansdom wird aber das Original angesiedelt als «Unsere liebe Mutter von Pötsch».

photo ©Ascona-Locarno Tourism

Der Weg von Ostungarn in die Schweiz führte durch das Habsburger Reich und begann wohl in Pòcs. Die Offiziere der kaiserlichen Armee wurden dort vorgeladen, um dem Wunder der weinenden Madonna von Pötsch, einem einfachen, ikonenhaften Tempera-Gemälde auf Ahornholz beizuwohnen. Sogar der Generalleutnant, Befehlshaber der in Oberungarn stationierten Truppen, Graf von Corbelli, wurde einbestellt. Durch ihn erfuhr auch der Wiener Hof von dem wundertätigen Bild. Es wurde am 1. Dezember 1697, ein Jahr vor dem Bau der Verdasio-Kapelle, in die kaiserliche Favorita gebracht und dann von den Augustinern in die Hofkirche überführt, wo sie – so beschreibt es der Stephansdom – „von der heiteren Kaiserin mit einer mit Diamanten und anderen Edelsteinen besetzten Rose geschmückt und mit dem Namen ‚Rosa Mystica‘ geehrt wurde. Sie wurde dann mit einer langen Prozession in den Stephansdom überführt, wo sie zur öffentlichen Verehrung auf einem neben der Schatzkammer errichteten Altar aufgestellt wurde, aber dort nie mehr Tränen vergoss.» Die griechisch-orthodoxe Pfarrkirche von Pötsch erhielt im Jahr 1707 eine originalgetreue Kopie des Gemäldes, welches noch bis ins Jahr 1905 Tränen vergoss.

Ich kann in diesem Blog-Beitrag nicht alle kulturwissenschaftlichen Gedanken Kerénys wiedergeben, die er in seinem «Tessiner Schreibtisch. Mythologisches Unmythologisches, 1963» erwägt. Er zieht faszinierende Verbindungen von der «Schwarzen Madonna in Einsiedeln» zur «Madonna der Schornsteinfeger» in Budapest und wieder nach Ascona zur «Schwarzen Madonna» in der Kapelle der Villa Sogno bis zur «Madonna del Sasso» bei Locarno. Dabei erwähnt er nebenbei auch „den nicht starren Unterschied zwischen dem Schornsteinfeger (spazzocamino) und dem Kaminfeger (fumista), der Kamine baut und repariert.

In der Tessiner Bibliothek meines früheren Hausbesitzers habe ich schon die eine und andere Trouvaille entdeckt. Für die ersten beiden Beiträge zur Spiritualität in den Centovalli war es das schmale Büchlein «La Madonna ungherese di Verdasio» von Karl Kerényi, welches 2012 in einer Neuauflage bei Armando Dadò Editore (in italienischer Übersetzung) erschienen ist. Leider sind die ursprünglich deutschsprachigen Texte für mich nicht auffindbar.

Geholfen für das Verständnis der doch recht komplexen Geschichte hat mir der sehr schöne italienischsprachige Artikel von Oliver Scharpf in der Zeitung Azione – Settimanale di Migros Ticino «La Madonna ungherese di Verdasio»

Gedankt sei an dieser Stelle auch meiner Nachbarin und Namensvetterin der Madonna, Maria Losem-Steinebach, die mir bei der Übersetzung der italienischen Texte und für die Verständlichkeit der Geschichte zur Seite stand.

* „Wundersame Tränen oder Blutstropfen, die von Gemälden oder Statuen vergossen werden, finden sich am Ursprung einiger Marienwallfahrtsorte in Ungarn. Zeitgenössische Quellen berichten von neun Fällen im späten 17. bis frühen 18. Jahrhundert. Vier davon sind griechisch-katholische (Unierte) Orte, wie Máriapócs, der berühmte Wallfahrtsort in Ostungarn. Diese wundersamen Ereignisse stehen im Zusammenhang mit der damaligen Situation des Landes und der Kirche. Es war die Zeit der Vertreibung der Türken aus Ungarn, die Zeit der Gegenreformation, der Unabhängigkeitskriege gegen die Habsburger und der Bürgerkriege. Die Tränen wurden damals so interpretiert, dass Maria die Leiden des Volkes und die Spaltung der Christenheit bedauerte und sich nach der Wiederherstellung der christlichen Einheit und der Reorganisation der katholischen Kirche sehnte. Die wundersamen Geschehnisse hatten auch eine antiprotestantische Ausrichtung und dienten der Bekehrung der orthodoxen Ruthenen und Rumänen zur katholischen Kirche und der Organisation der griechisch-katholischen Kirche.“ Gábor Barna, Lehrstuhl für Volkskunde der Universität Szeged, Ungarn

Der mutigste Mann im Tal

Jürg Zbinden

Hättest Du den Mut gehabt, vor 50 Jahren ein ganzes Dorf zu kaufen? Oder eigentlich zwei, wenn man Bordei zu Terra Vecchia rechnet. Für 5’000 Franken – und dann 30 Millionen aufzutreiben, um die Ruinen und eingefallenen Dächer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Ein neues Wasserleitungssystem und die Kanalisation zu bauen, die Stromleitungen unterirdisch zu verlegen. Und all dies nicht aus Gewinnstreben, sondern um aus der Gesellschaft gefallenen Kindern und Jugendlichen eine neue Perspektive zu schaffen.

Es ist das Lebenswerk eines Pioniers, der in den Siebzigerjahren die Terra Vecchia aufbaute. Sein weithin sichtbares Denkmal ist der rote Kran, der nun auf die Vollendung der letzten Häuser wartet. Sein inneres Feuer aber, die Triebfeder für den bescheiden gebliebenen 70-jährigen, sind wohl die menschlichen Erfolge, die er stets in Gemeinschaft mit Vielen durch seine Bau-Therapie erreicht hat.

Jürg Zbinden, der Patriarch und Abt seines nicht religiösen Klosters steht heute vor der grossen Herausforderung, «Terra Vecchia Villaggio» in neue, zeitgemässe Strukturen zu überführen. Von all dem Erreichten selbst etwas loszulassen und neuen Kräften das Ruder zu überlassen.

Vieles hat sich gewandelt seit den Anfängen der ursprünglichen Stiftung «Terra Vecchia». Das Dorf ist gebaut. Doch was soll damit geschehen. Einige Teile funktionieren bereits, Neues entwickelt sich gerade. Das zukunftsträchtigste Projekt ist die „Kulturvermittlung im sehr peripheren Raum“ welches von Barbara Balba Weber geführt wird. Im „Kulturdorf für Junge“ findet man die Social Media Links. Wer sich für das Kulturdorf interessiert, ist herzlich eingeladen, am Sonntag, 1. August, um 11.11 Uhr nach Terra Vecchia zu wandern. Eine Gruppe junger Afghanen aus dem Tessin und Studentinnen aus der Deutschschweiz servieren Getränke, Kuchen, Geschichten und Lieder mit Migrationshintergrund. Um Anmeldung wird gebeten.

Das «Ritiro Terra Vecchia» im Kontext der wunderschön renovierten Kirche hat sich mit den „Ora et musica“ und „Ora et labora“ Meditationen bereits gut etabliert. Auch die Osteria, mit der perfekten Infrastruktur, die aber nur schwerlich kostendeckend zu betreiben ist. Zentral für die ganzen Betriebe ist die selbsttragende Land- und Forstwirtschaft. Wie kann die gebaute Schule und Werkstatt weiter genutzt werden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich in ihrer Welt gefährdet und schutzlos fühlen. Neue Schulungs- und Ausbildungsprojekte sollen helfen und werden dem Dorf mehr Leben einhauchen.

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2017: Terra Vecchia noch im Aufbau

Ein erneuerter Stiftungsrat entwickelt zurzeit ein vorausschauendes Betriebskonzept, welches dem sozialen Kernauftrag zur beruflichen Integration gerecht werden soll und bestehende wie zukünftige Dienstleistungen auf ein sicheres finanzielles Fundament stellt. Für die Jahre 2023/24 ist bereits eine ausgeglichene Erfolgsrechnung für das Teilprojekt der beruflichen Integration geplant.

So präsentiert sich die Anlage heute:

Die Entstehung von Terra Vecchia (Raxa) geht auf das Jahr 1379 zurück. Einwohner dieses und anderer Dörfer der Centovalli sollen in Pisa und später in Livorno das Monopol als Lastenträger erhalten oder als Zöllner in Florenz gearbeitet haben. Der kleine Reichtum aus dieser Arbeit ermöglichte wohl die gute Grundsubstanz von Kirche und Häusern in Terra Vecchia.

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Terra Vecchia und Bordei sind heute die Musterdörfer des Tals. Nirgends sonst in den Centovalli finden sich so viele perfekt restaurierte Gebäude, die nicht nur touristische Bedürfnisse abdecken. Die rundum erneuerte Infrastruktur der Dörfer zeigt, wie man das Tal wieder zum Leben erwecken könnte, für Familien, für Kinder und nicht zuletzt für eine klimagerechte Zukunft mit Land- und Forstwirtschaft. Dies alles ist der visionären Kraft von Jürg Zbinden zu verdanken. Doch nicht allein um des Bauens willen. Er hat es vielmehr verstanden, Sponsoren, Behörden, Gemeinden und Sozialwerke einzubinden, um gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden einer Vielzahl von Jugendlichen über all die Jahre neues Selbstbewusstsein und neue persönliche wie auch berufliche Perspektiven zu vermitteln. Es bleibt zu hoffen, dass er die Früchte seiner Arbeit noch lange ernten kann.

Wer das Projekt finanziell unterstützen möchte, ist willkommen unter folgendem Spendenkonto:
Fondazione Terra Vecchia Villagio,
UBS Zürich, IBAN: CH54 0024 6246 3419 0402 N

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Und wer sich die Kleinode bei einer gut beschatteten Sommer-Wanderung von Bordei nach Rasa (oder umgekehrt) wieder mal persönlich anschauen möchte, sei aber gewarnt: Die schöne Osteria in Bordei ist momentan leider geschlossen.

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Noch mehr Informationen, noch mehr Bilder?
Unter diesem Link findet sich ein interessanter SRF- Schweiz aktuell – Beitrag «Ein Blick hinter die Kulissen der Sonnenstube». Jürg Zbinden erzählt 2019 von seinen Anfängen in Terra Vecchia.
Und zum Schluss noch ein Drohnen-Flug über Bordei.

Der längste Tag im Strafulóo

Der 21. Juni ist nicht nur der längste Tag des Jahres, sondern auch der Höhepunkt im Geschehen der geheimnisvollen Löcher an der Südwest-Seite des Ruscada-Massivs. Rund um die Sommersonnenwende ist von Monadello, im Grenzgebiet der Centovalli, ein einzigartiges Naturschauspiel zu beobachten: „I Böcc du Strafulóo“, die Augen von Strafuló. Die durch Erosion entstandenen Löcher im Innern eines Felsrückens wirken in diesen Tagen wie Fenster, die das Sonnenlicht zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr auf die im Schatten liegende Felswand projizieren.

Das Geschehen wird auch als Sonnenuhr der Centovalli beschrieben. Doch auch aus dem Valle Vigezzo, von der Alpe Caviano oberhalb Olgia kann das Phänomen beobachtet werden. Es nennt sich dort „I böcc ad l’aquila“, die Augen des Adlers. Beeindruckend die Fotos von Gianni Pantini, die sowohl im Buch von Dante Fiscalini als auch auf dessen Webseite zu sehen sind. Bereits 2007 haben Dante Fiscalini und Erminio Manfrina erste Vermessungen in den Felslöchern vorgenommen. 2014 wurde dann im Rahmen des – leider gescheiterten – Nationalpark-Projekts eine Stele in Monadello errichtet, welche das nur kurze Zeit im Jahr sichtbare Phänomen erläutert.

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© photos by Gianni Pantini


Warnhinweis: Die Autofahrt von Camedo nach Moneto und von dort nach Monadello kostet Nerven. Vorallem das letzte Strassenstück ist unübersichtlich, eng und nicht mit allzu vielen Ausweichstellen, dafür mit umso mehr Schlaglöchern versehen. Als Lohn sieht man schon vor Monadello rechterhand eine riesige Kastanie, die wohl von einem Blitz gespalten wurde, aber – trotz ihres hohen Alters von weit über 300 Jahren – immer noch stolz emporragt.

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In Monadello angekommen, ebenfalls rechterhand, findet sich eine Informationstafel. Was dort nicht zu lesen ist, habe ich im Buch von Dante Fiscalini gefunden. „Eine Geschichte, die auf den Anfang des letzten Jahrhunderts zurückgeht, von einem Abenteuer, das den jungen Männern Achille und Paolo Fiscalini aus Costa widerfuhr, die sich entschlossen, die Adlernester im Strafulóo zu besuchen. Zum Abseilen von den Felsen sollen sie das Seil vom Glockenturm der Kirche von Costa benutzt haben. Der Blick ins Nest gelang ihnen aber nicht, denn die Eltern der Adler kehrten angriffslustig und mit grossem Geschrei zurück.“ Vermutlich wurden dabei die Felsen-Fenster entdeckt.

Das erste schriftliche Dokument, welches sich auf die Löcher im Berg bezieht, befindet sich in einer Akte von Prof. Mario Gualzata „Beiträge zur Toponymie des Kantons Tessin von 1924“ und wird in der Kantonsbibliothek in Locarno aufbewahrt. (Quelle: „Costa alte Centovalli – otto secoli di storia“ II. Edizione 2021, Dante Fiscalini)

Anmerkung: Wenn Du diesen Beitrag als Newsletter bekommst, empfehle ich den Beitrag im Webbrowser anzusehen, denn im Newsletter werden die Diashows leider nicht angezeigt. Auch möchte ich wieder einmal darauf hinweisen, dass – je nach Darstellung – rechts vom Blog oder ganz unterhalb des Blogs eine Suchfunktion integriert ist. Mit Stichworten findest Du damit zuverlässig Inhalte aus der gesamten Webseite.

Spiritualität in den Centovalli (1)

Rovine del Castelliere

Den ersten Blick in die verborgene Welt der Centovalli wirft man aus dem Pedemonte nach Intragna. Das Dorf zwischen den Flüssen Melezza und Isorno wuchtet – an höhere Regionen in Nepal erinnernd – wie eine steinerne Pforte am steilen Hang. Wer gleichzeitig den Blick zum See und ins Maggiatal geniessen will, steigt aber bereits in Tegna zu den Ruinen der Castelliere hoch. Nur dreissig schweisstreibende Wanderminuten trennen den Dorf- und Parkplatz von den auf 530 m ü. M. gelegenen Burgruinen.

Burgruinen erinnern uns doch ans Mittelalter. Ja, da gab es wohl so etwas nach dem Ende der Römerzeit. Doch schon nach den ersten Atemzügen in luftiger Höhe spürst Du, da ist mehr, da war mehr. Du siehst die schöne Hochebene, das verschlungene Baumpaar und lässt Dich von den seltsamen diagonalen Linien der Ruinen fesseln. Was für ein Gefühl in vergangene Zeiten gezogen zu werden, was für eine Kraft Du spürst. Ist das etwas Mystisches oder einfach Geschichte?

Die informativen Tafeln im Gelände erzählen von der Jungsteinzeit 5500 v. Chr. über die Bronzezeit und die Eisenzeit bis zu den Römern. Allerlei historische Aspekte, die seit den archäologischen Grabungen in den 40-er Jahren des letzten Jahrhunderts durch immer neue Funde belegt wurden. Also eine Burg, eine Festung, ein Wachposten? Das Museo Regionale delle Centovalli e del Pedemonte erläutert dies auf den Tafeln vor Ort und im Internet. Doch ist das alles? Ich spüre mehr.

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Dabei bin ich auf eine Schrift des Ungarn Karl Kerényi (1897–1973) gestossen: Castelliere – Analogie zu einem Heiligtum von Theben. Der klassische Philologe und Religionswissenschaftler hinterfragt die Hypothese des römischen Kastells. Der quadratische Grundriss wie auch die parallelen und diagonalen Wände entsprächen dem keineswegs und würden eher auf eine ursprüngliche Kultstätte hinweisen. «Der zentrale Teil der Anlage wurde über einer unterirdischen Konstruktion errichtet, die durch eine Reihe von drei Bögen in zwei Logen geteilt war, aber er war so imposant, … dass seine eminente Bedeutung für den Kult, dem der Tempel gewidmet war, nicht bezweifelt werden kann. … Auch die Trennlinie des unterirdischen Raumes bestätigt die Ost-West-Orientierung, als Beziehung eines Kultes zur Gottheit.» Also Mythologie?

Kerényi zweifelt die viel geäusserte Interpretation einer möglichen Zisterne an und schlägt den Bogen direkt zu einem Heiligtum von Apollo Ptoos im griechischen Beozia. «Rein geographisch gesehen ist die erwähnte Region Griechenlands von der Schweiz ziemlich weit entfernt. Sprachwissenschaftliche Forschungen haben jedoch immer wieder die signifikante Präsenz eines vorhellenischen, aber nicht vorindogermanischen Bestandes in der Schichtung der Bevölkerung in Beozia aufgezeigt, dessen Verästelungen bis nach Südosteuropa reichen. …  und deren bekannteste Vertreter die Illyrer im Südosten und die Ligurer im Südwesten waren, die Vorgänger der Kelten.»

Eine Beziehung zu Kultstätten in Griechenland, insbesondere zum Orakel von Trophonios, begründet Karl Kerényi recht anschaulich. «So wie hier das Tal der Maggia knapp unterhalb der Kultstätte den Charakter einer Schlucht annimmt, so betritt der Besucher des Trophonius-Tempels in der Nähe der Stadt Lebadea zunächst die Ercina-Schlucht, die dort, ebenso wie hier die Maggia, fast unterirdisch unter dem Berg Saero verläuft und dann plötzlich wieder einen freieren Verlauf nimmt. In diesem Tal konnte man eine Höhle besichtigen, in der sich eine der Quellen der Ercina befand: in der Höhle waren gemäss der Beschreibung des Pausanias (griechischer Reiseschriftsteller und Geograph aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.) zwei Gottheiten mit einem Stab und einer Schlange dargestellt: Der Gott des Orakels, Trophonio – eine Gottheit mit einem Namen, der nicht typisch griechisch, sondern eher „illyrisch“ ist – und die Gottheit des Flusses Ercina.

Überraschend ist die Tatsache, dass man, um die eigentliche unterirdische Anbetungsstätte dieser Gottheit, seinen Tempel, zu erreichen, sogar den Berg besteigen musste. Für diejenigen, die Trophonius aufsuchen und von ihm ein Orakel über ihr Leben erhalten wollten, war dieser Weg eine Art Einweihung. Oben auf dem Berg befand sich nach der Beschreibung von Pausanias, in der Antike eine kreisförmige, knapp einen Meter hohe Mauer aus weißem Marmor zur Begrenzung einer Art Lagerplatz. Die Spaliere tragende kreisförmige Mauer hatte Türen, die einen Zugang zu einer Konstruktion von zwei Metern Breite und vier Metern Tiefe schuf, welche selbst nicht mehr war als ein Peribolos (hl. Bezirk um den Tempel). Das Gebäude glich einem Ofen, wie man ihn, angelehnt an griechische Bauernhäuser finden kann, vergleichbar mit einem riesigen halben Ei. Durch eine Öffnung an der tiefsten Stelle des „Ofens“ wurde der Besucher mit Hilfe einer dargebotenen Leiter in den unterirdischen Tempel geführt, um das Unvergessliche zu erleben.»

Und nun? Kannst Du Dir vorstellen, dass auch hier einmal Menschen ein Orakel nach ihrem Schicksal befragten? Klingt der Kraftort in Dir an? Oder siehst Du ganz einfach die Grundmauern von Wachposten eines römischen Castells?

Mach Dir selbst ein Bild! Im Frühjahr und Herbst ist schon die Aussicht Entschädigung genug für den Aufstieg. Wenn Du darüber hinaus beeindruckt bist, schreib doch einen Kommentar (auf den Titel des Beitrags klicken und nach unten scrollen).

Die Zitate sind dem italienisch-sprachigen Büchlein von Karl Kerényi in freier Übersetzung entnommen: «La Madonna ungherese di Verdasio», wovon auch mein nächster Beitrag handeln wird.
© Armando Dadò editore, Locarno 1996 – ISBN 88-86315-32-5

Weitere Quellen:

Auch Claudio Andretta beschreibt und erforscht in seinem Buch «Orte der Kraft im Tessin» (ISBN: 978-3-03800-773-9) das 41’000 m2 grosse Areal, die Rovine del Castelliere.

Rolf Amgarten schreibt in seinem Artikel vom 5. September 2020 in der Tessiner Zeitung «Imperien zerfallen, aber der Kraftort bleibt». Er weist zudem darauf hin, «dass die Gestaltung der Anlage, wie sie heute zu sehen ist, dem erfolglosen Nationalparkprojekt des Locarnese geschuldet ist. Was Sache wäre, ist, dass diese Anlage eines der Juwelen des neuen Parks hätte werden können. Nun steht das Juwel für sich ohne Anschluss an eine Kette, was vielleicht auch nicht so schlecht ist.»

Das Orakel von Trophonios ist in diesem Video zu sehen.

Gartenterrassen offen

Direkt an der Kantonsstrasse, kurz vor der italienischen Grenze gelegen, findet man eine der wohl bekanntesten Osterias im Centovalli, das „Grütli“ in Camedo. Der Zugang zur – unerwartet – schönen Terrasse erfordert mutiges Service-Personal, das mit gefülltem Tablett jonglierend, allfälligen Motorrädern auf der Strasse ausweichen muss. Seit den Corona-bedingten Grenzbehinderungen ist diese Gefahr zwar gesunken, doch die charmante Osteria hatte auch keine Gäste mehr. Elisa und Giona mussten aufgeben – ich bin immer noch traurig. Das Dorf an der Grenze wurde noch einsamer und verlassener als ohnehin schon.

Doch das war gestern! Seit kurzem ist eine neue Mannschaft angetreten. Fast zufällig, beim Gang zur Bahnstation habe ich Andrea getroffen, der mir freudestrahlend die neue Menu-Karte zeigte. Ein junges Team: Nathan, Andrea, Paco und Gionata machen einen neuen Anlauf mit der Osteria. Geöffnet von 10 Uhr bis 22 Uhr, entsprechend den Corona-Spielregeln, werden auch Doppelzimmer zu CHF 120 (Einzel zu CHF 90) mit Frühstück angeboten, falls eine längere Rast in der Gegend gewünscht wird. Reservationen sind unter 078 218 29 17 und über info@osteriagrutli.ch möglich, alle „News“ und weiteren Informationen auf facebook und instagram zu finden sowie demnächst wieder auf http://osteriagrutli.ch

Andrea Meni
Andrea Meni
terrazza photos by osteriagrutli on facebook
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Damit es die jungen Gastronomen etwas länger aushalten, bist nun Du gefragt in diesen schwierigen Zeiten! Ein Schnupperbesuch in der Osteria lohnt sich alleweil – vielleicht auch bald drinnen im schönen Ambiente. Die Qualität der Speisen und die Freundlichkeit des Personals darfst Du gerne auf dieser Seite kommentieren.

Ein paar Schritte weiter treffe ich die nächste Überraschung: Eine farbenfrohe Sitzbank lädt zum Pefferminze-Tee (grosse Tasse CHF 3, kleine Tasse CHF 1). Als Bonus wird für einen zusätzlichen Franken eine Erdbeere angeboten. Und obendrein ist sogar eine astrologische Beratung möglich. Wenn Du Deine Geburtsstunde kennst, erhältst Du hier ein Radix-Geburtshoroskop. Toll was? Schreib uns in den Kommentaren, ob es auch zutrifft!

An dieser Strasse sind Kenntnisse über die Todesstunde hilfreich!

Es wäre ungerecht, mit diesen beiden Tipps den Blog-Beitrag zu beenden. Denn wenn Du noch weiter Richtung Bahnstation Camedo gehst, ist das alteingesessene Ristorante „Vittoria“ nicht zu verfehlen. Ein Lokal, das wohl alle Krisen seit den letzten Kriegen überstanden hat, wo sich nicht nur eingeschworene Einheimische treffen. Eine Sonnenterrasse mit bester Aussicht auf die Centovallina lädt zum Kaffee oder zu einem Gläschen Wein. Jedes Mal, wenn ich im Sommer zur Bahnstation eile, lockt mich die Tafel mit den Eiskrem-Varianten aus dem Tiefkühler. So ein Cornetto muss ich nun wirklich mal probieren!

Direttissima zur Bahnstation von Camedo

Für Kommentare auf den Titel des Blogbeitrags klicken!