Spiritualität in den Centovalli (3)

Ananda Dham – Besuch bei den Mönchen in den Alta Centovalli

Hoch oben am Weg nach Motto di Dórca, verborgen in den dichten Wäldern des Valle di Remo, einem Seitental des Centovalli, entfaltet sich ein kleines Paradies. „In Ögna“, ein Flecken, den Du nicht zufällig findest, sondern den Du in schweisstreibenden Stunden erwanderst, um im Berg-Ashram „Ananda Dham“ spirituelle Einkehr zu halten und Verbindung zu Deinem Schöpfer zu suchen. Es ist das Blumendorf einer kleinen, bunten Gemeinschaft, die dort ein Sri Krishna zugewandtes, bescheidenes Leben führt. Einer von ihnen ist der Mönch Krishna Chandra, der den Ashram mit gegründet hat und dich fröhlich lachend dort empfängt.

Anuradha eine Mönchin, die seit 5 Jahren in der Abgeschiedenheit von Ananda Dharm lebt, führte mich durch die Räumlichkeiten, den Tempel, die Küche, die Bibliothek und den Garten, der wichtige Teile der Selbstversorgung ermöglicht. Viel bewegender als diese Führung war aber für mich das persönliche Gespräch und die Erfahrung der Authentizität meiner Gesprächspartnerin – beeindruckt von ihren spirituellen Gedankengängen. Ganz bei sich selbst, aber mit aller Herzlichkeit habe ich mich bei ihr willkommen gefühlt. Mehr als nur etwas Sehnsucht kam auf, mir selbst einmal eine Auszeit für eine Veranstaltung im Ashram zu nehmen, weg von der Alltagshektik und auf zur Sinnsuche in mir selbst. Du findest, das töne nun etwas esoterisch? Das ist es ganz und gar nicht. Das Leben im Ashram ist stark geerdet, nicht Götterverehrung ist das Ziel, sondern Zwiesprache mit sich selbst, Stille.

Krishna Chandra

Morgens um vier Uhr versammeln sich die Mönche zum Gebet und nehmen viel später schweigend ein einfaches Frühstück ein. Nach dem Studium der Sanskrit-Schriften dient der Nachmittag alltäglicher Arbeit: den Blumen im wunderbaren Garten, dem Unterhalt des Geländes, dem Waschen und Kochen oder den verschiedenen Veranstaltungen und dem Bhakti-Yoga. Die sorgfältig gestaltete Website gibt Auskunft zu allen Aspekten. https://www.ananda-dham.com/

Krishna Chandra arbeitet(e) sowohl in Indien, als auch in der Schweiz als Sterbebegleiter. Wenn er in Indien die Asche eines Verstorbenen in den Ganges streute, sinnierte er, dass sich der Mensch doch recht viele Sorgen um dieses Häufchen Asche gemacht habe. Sorglosigkeit ist eines seiner obersten Ziele, doch nicht Sorglosigkeit seinen Mitmenschen oder der Umwelt gegenüber. Als vegane Gemeinschaft hat das Ashram auch schon spektakuläre Aktionen zur Bewusstmachung unseres Fleischkonsums und zum sinnlosen Schlachten von Tieren gemacht. Der gebürtige Zürcher Krishna Chandra forderte einmal bei einer Kundgebung auf dem Paradeplatz die Deklaration auf allen Fleischpackungen: „Fleisch ist tödlich fürs Tier. Es ist die grösste Verschwendung von Nahrungsmitteln und ist schädlich für Deine Gesundheit“.

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Mir scheint, es ist der Höhepunkt der Spiritualität in diesem Tal, denn gemäss den gelebten Lehren des „Sanatan-Dharma“ ist das Ashram weder Sekte noch dogmatische Religion. In der Vaishnava-Welt, der Tradition des theistischen Hinduismus ist der Ort als kontemplative Stätte zur Besinnung und Ausrichtung zu verstehen, wo Meditation, Einkehr nach innen und Stillepraxis im Dienste der Suche nach einer lebendigen Beziehung mit Gott (in Gestalt von Radha und Krishna) gelebt wird. Herzlichen Dank Anuradha, herzlichen Dank Krishna Chandra, dass ich ein paar Stunden von eurem Leben teilen durfte!

Es ist wichtig, für einen Besuch des Ashrams vorgängig anzufragen und sich entsprechend anzumelden: https://www.ananda-dham.com/anmeldung-kontakt/  oder +41 77 531 45 66. Da der normale Weg infolge Unwettern abgerutscht ist, beachte bitte die Angaben auf der Website, um die Alternativroute zu begehen. Ananda Dham ist auch als Verein organisiert. Es gibt darüber hinaus sehr viele dem Ashram nahestehende Menschen.

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Texttafeln begleiten den Weg zum Ashram und regen zum Nachdenken an.

„Eine Seele, der Freiheit nicht einfach nur ein theoretisches Wort ist, sondern die sie wirklich zu leben gedenkt, soll in ihrem Haus genau wie ein Gast leben. Das bedeutet, ohne ein Eigentumsrecht oder Besitzanspruch und ohne ein Identitätsgefühl darin. Auf diese Weise wird sie nie gebunden von häuslichen Angelegenheiten.“
(Srimad Bhagavatam 11.17.54)

Coole Wanderung für heisse Tage

Nach dem Jahr-Hundertwasser in diesem Sommer sieht es doch nochmals nach feucht-heissen Tagen aus, an denen eine schattige, nicht allzu steile Wanderung gefragt ist. Es ist ein Klassiker für Besucher der Centovalli, auch wenn der Start- (oder) Zielpunkt im Onsernone-Tal liegt. Eine recht gemütliche Angelegenheit, die historische Gedanken anregt, aber auch an einer interessanten zeitgenössischen Einrichtung vorbeiführt.

Um ohne waghalsige Autofahrt nach Loco zu fahren, nimmst Du am besten frühmorgens das Postauto von Intragna Ponte Richtung Spruga bis zur Haltestelle Loco Chiesa. Dann etwas in Fahrtrichtung gehen, um sich linkerhand einen feinen Espresso und ein Cornetto vuoto zu genehmigen. Passend zur Wanderung ist auch ein Besuch im Onsernone Museum zu empfehlen. Bis zum 31. Oktober 2021 ist dort die temporäre Ausstellung „Onsernone – gestern und heute: Transformationen im 20. Jahrhundert“ zu sehen.

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Entweder zurück oder durch das Dorf gehen, um einen der linkerhand liegenden Wanderwege hinunter zum Fluss Isorno und über die Brücke bei Niva zu nehmen. Danach folgt der einzige etwas anstrengende Aufstieg unter dem kühlenden Blätterdach des Waldes, immer Richtung Intragna. Der wunderschöne alte Steinweg, der früher dem Transport von Stroh-Hüten und Stroh-Bändern aus dem Onsernone-Tal in die weite Welt diente, steht heute nur noch Wanderungen zum Zeitvertreib zur Verfügung. Der Journalist Alex von Roll hat dazu einen bemerkenswerten, aber auch fröhlichen Bericht geschrieben (unbedingt lesen) und errechnet, dass die Gestaltung eines solchen Weges heute über 5 Millionen Schweizer Franken kosten würde. Um allein die jährlichen Betriebskosten zu finanzieren, müsste jeder Wanderer 27 Franken für die Benutzung des Wegs bezahlen. Eine nachdenklich stimmende Berechnung.

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Nach einiger Zeit erblickst Du linkerhand und völlig unerwartet eine gepflegte Anlage, Baumhotel inklusive. Du bist in „Vosa di dentro„. Die Einrichtung bietet ein Time Out für junge Erwachsene mit einer strafrechtlichen oder erzieherischen Massnahme, samt ärztlicher und psychiatrischer Begleitung und baut weitgehend auf Selbstversorgung. Falls Du einen Rucksack mit dabei hast, kannst Du aber auch vom feinen Kastanien-Honig kaufen. Weiter geht’s bis zur Kapelle von Vosa, wo Du auf dem schönen Vorplatz rasten kannst.

Munter weiter und bergab geht es über Costa Pila nach Intragna, wo Du Deine Reise mit einem Besuch im Museo Centovalli e Pedemonte abschliessen kannst. Alternativ lockt auch vielerorts ein kaltes Bierchen oder ein erfrischendes Gazosa Mandarino.

Schreib mir bitte einen Kommentar, wie Dir die Wanderung gefallen hat oder was Du noch weiter entdeckt hast.

Spiritualität in den Centovalli (2)

La Madonna Ungherese di Verdasio

Wer die Via Mercato von Camedo Richtung Intragna erwandert, kann sie nicht verfehlen. Etwas ausser Atem vom langen Aufstieg nach Verdasio, leuchtet einem in schönen Tessiner Farben das Bildnis der «Madonna Ungherese» entgegen. Unter dem Marienbild ist zu lesen: „Vero ritratto del imagine miracolosa di Paez nel regno di Ungaria laquale l’anno 1696 nel mese di novembre lacrimò più volte sangue ed acqua.“ (Das wahrhaftige Porträt des wunderhaften Bildes von Paez im ungarischen Königreich, das im November 1696 mehrere Male Blut und Wasser weinte.)

©Ascona-Locarno Tourism
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Doch wie kommt ein aus Ungarn stammendes Madonnenbild ins Centovalli nach Verdasio? Wieder war es der Ungar Karl Kerényi (1897-1973), der mir das Geheimnis – zumindest etwas – lüftete. In seiner Eigenschaft als Kulturwissenschaftler, Philologe und Mythologe wanderte er in den Vierzigerjahren durch die Landschaft des Locarnese, die er zu seiner zweiten Heimat erkoren hatte und die er, «wie es Botaniker tun, gerne mit dem alten Namen Insubrien bezeichnete».

Kerényi erkannte eine Verbindung des Marienkults zwischen Ungarn und unserer südlichen Region. «Die Muttergottes von Christinenstadt, in Buda, wurde „Jungfrau Maria der Schornsteinfeger“ genannt und es wurde gesagt, dass sie von einem Handwerker aus dem Süden gebracht wurde.»

Bereits frühere Erforscher der Tessiner Zivilisationsgeschichte (Bonstetten u.a.) beschäftigten sich mit den Verbindungen aus Tessiner Tälern zu zahlreichen Orten in Europa «wo die Schornsteinfeger her kommen, welche Schornsteine in Amsterdam und Rotterdam reparieren». Kerényi schreibt weiter: «Aus ungarischen Briefen vom Ende des 18. Jahrhunderts wusste ich, dass die Art des Heizens und die Bedingungen, unter denen der Winter in den großen aristokratischen Landhäusern verbracht wurde, denen in Ungarn ähnlich waren, wie sie auch im übrigen Mittel- und Nordeuropa herrschten. Wie ich später erfuhr, besteht die Verbindung zwischen Rotterdam und Cavergno, einem Dorf im Maggiatal, dank der Erben der Schornsteinfeger noch heute

Foto © Massimo Pedrazzini Losone „La madonna ungherese di Verdasio“ (vor der Restaurierung der Kapelle)

«Heute erfuhr ich, dass die Pfarrkirche von Christinenstadt Informationen über die Herkunft ihrer Madonna und sogar den Namen des Schornsteinfegers bewahrt hat. Sein Name war Peter Paul Francin, und während der großen Pest von Buda (heute Budapest), unmittelbar nach der Befreiung der Stadt von den Türken, versprach er, falls er überleben würde, mit seiner Familie nach Re, im Valle Vigezzo, zur Madonna des Blutes zu gehen. Er hielt sein Gelübde und brachte 1694, eine Reproduktion zurück. Das bedeutet, dass sich der Schornsteinfeger von Buda dem religiösen Leben in den südlichen Alpentälern nicht fremd fühlte. Seine Herkunft verbindet ihn wahrscheinlich entweder mit dem italienischen Vigezzo-Tal oder vielleicht mit dessen Schweizer Fortsetzung. Verdasio, in den Centovalli, mit seiner «Madonna Ungherese», befindet sich auf dem kürzesten Weg zwischen Re und dem Gotthard-Pass und liegt somit auf der «insubrischen» Straße, die der Schornsteinfeger passieren musste, um Ungarn zu erreichen.» Es wäre also durchaus möglich, dass Paul Francins Wurzeln in Verdasio lagen, wo die Reproduktion schlussendlich ihren Platz gefunden hat.

Bei unzähligen Bildstöcklein und Kapellen war Kerényi immer wieder fasziniert von der Inschrift „In gremio matris sedet sapientia patris“ («Im Schoss der Mutter, liegt die Weisheit des Vaters»). Er siedelte diese Inschrift bei der theologia mystica an, die sich wohl in der Lombardei verbreitet haben könnte, erinnerte sich aber an eine Inschrift aus seiner Heimat Ungarn, unter einem Madonnenbild in der Pfarrkirche von Christinenstadt (heute ein Stadtteil von Budapest). Zum Marienkult schreibt er: «Einige der hervorstechenden und dokumentierten Episoden des Marienkults, im Valle Vigezzo, zwischen Ascona und Re, fanden im 15. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der italienischen Renaissance statt. Acht Jahre vor dem Wunder in Re, ereigneten sich Erscheinungen auf der Straße durch Golino zum Centovalli. Eine schöne Renaissance-Kirche mit einem Portikus, unmittelbar nach Losone, trägt die Inschrift „QVI CANNO MCDLXXXVI APPARVE LA B. V MARIA“ (Hier ist 1486 die Mutter Maria erschienen) … Dies ohne Erwähnung von Blutwundern … Anders verhält es sich mit dem Wunder, das über das bekannte Heiligtum von Re erzählt wird. Das Bild der Madonna, das sich in dieser Kirche befand und bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders verehrt wurde, erlitt durch einen von einem bösen Jungen geworfenen Stein eine Wunde an der Stirn und blutete. In den Tessiner Tälern ist der häufigste Typus der Heiligenbilder in den Kapellen mit dem Zeichen des Blutes und der mystischen Formel versehen…» Dass bei der Madonna in Verdasio nebst den Tränen auch Blut ins Spiel kam, schrieb Kerényi «der mittelalterliche Seele zu, die in Italien mit Blutwundern auf das Heidentum der Hochrenaissance reagierte. … Die Geschichte der geistigen, intellektuellen, religiösen und kulturellen Prozesse läuft hier in einer einzigen Strömung zusammen, die sich von Süden nach Norden bewegt und auf die aus dem Norden kommende trifft. Auf Wikipedia finden sich weitere Erläuterungen dazu *.

Ein letztes Rätsel bleibt auf der Suche nach dem Ursprung des Bildes und des Blutes. Ist Paez nun Pécs oder Pòcs (heute Mariapòcs im Nordosten Ungarns), geht es um Tränen oder Blut und wohin ging die Reise des Bildes? «Das von einem ungarischen Bauern (Csigri) um 1676 auf einen Tisch gemalte Bild verkaufte er für sechs Gulden an einen gewissen Lorenz Hurta. Dieser schenkte es der orthodoxen katholischen Kirche in Pòcs, wo es für zwanzig Jahre blieb, ohne besonders verehrt zu werden. Am 14. November 1696 wurden zum ersten Mal Tränen in den Augen der Muttergottes beobachtet und die Sache wiederholte sich mehrmals bis zum 8. Dezember, dem Tag der Unbefleckten Empfängnis. Die Einwohner von Pòcs behaupten, dass das weinende Marienbild nie von dort entfernt wurde und dass die Muttergottes dort zum letzten Mal im Jahre 1905 geweint habe. Im Wiener Stephansdom wird aber das Original angesiedelt als «Unsere liebe Mutter von Pötsch».

photo ©Ascona-Locarno Tourism

Der Weg von Ostungarn in die Schweiz führte durch das Habsburger Reich und begann wohl in Pòcs. Die Offiziere der kaiserlichen Armee wurden dort vorgeladen, um dem Wunder der weinenden Madonna von Pötsch, einem einfachen, ikonenhaften Tempera-Gemälde auf Ahornholz beizuwohnen. Sogar der Generalleutnant, Befehlshaber der in Oberungarn stationierten Truppen, Graf von Corbelli, wurde einbestellt. Durch ihn erfuhr auch der Wiener Hof von dem wundertätigen Bild. Es wurde am 1. Dezember 1697, ein Jahr vor dem Bau der Verdasio-Kapelle, in die kaiserliche Favorita gebracht und dann von den Augustinern in die Hofkirche überführt, wo sie – so beschreibt es der Stephansdom – „von der heiteren Kaiserin mit einer mit Diamanten und anderen Edelsteinen besetzten Rose geschmückt und mit dem Namen ‚Rosa Mystica‘ geehrt wurde. Sie wurde dann mit einer langen Prozession in den Stephansdom überführt, wo sie zur öffentlichen Verehrung auf einem neben der Schatzkammer errichteten Altar aufgestellt wurde, aber dort nie mehr Tränen vergoss.» Die griechisch-orthodoxe Pfarrkirche von Pötsch erhielt im Jahr 1707 eine originalgetreue Kopie des Gemäldes, welches noch bis ins Jahr 1905 Tränen vergoss.

Ich kann in diesem Blog-Beitrag nicht alle kulturwissenschaftlichen Gedanken Kerénys wiedergeben, die er in seinem «Tessiner Schreibtisch. Mythologisches Unmythologisches, 1963» erwägt. Er zieht faszinierende Verbindungen von der «Schwarzen Madonna in Einsiedeln» zur «Madonna der Schornsteinfeger» in Budapest und wieder nach Ascona zur «Schwarzen Madonna» in der Kapelle der Villa Sogno bis zur «Madonna del Sasso» bei Locarno. Dabei erwähnt er nebenbei auch „den nicht starren Unterschied zwischen dem Schornsteinfeger (spazzocamino) und dem Kaminfeger (fumista), der Kamine baut und repariert.

In der Tessiner Bibliothek meines früheren Hausbesitzers habe ich schon die eine und andere Trouvaille entdeckt. Für die ersten beiden Beiträge zur Spiritualität in den Centovalli war es das schmale Büchlein «La Madonna ungherese di Verdasio» von Karl Kerényi, welches 2012 in einer Neuauflage bei Armando Dadò Editore (in italienischer Übersetzung) erschienen ist. Leider sind die ursprünglich deutschsprachigen Texte für mich nicht auffindbar.

Geholfen für das Verständnis der doch recht komplexen Geschichte hat mir der sehr schöne italienischsprachige Artikel von Oliver Scharpf in der Zeitung Azione – Settimanale di Migros Ticino «La Madonna ungherese di Verdasio»

Gedankt sei an dieser Stelle auch meiner Nachbarin und Namensvetterin der Madonna, Maria Losem-Steinebach, die mir bei der Übersetzung der italienischen Texte und für die Verständlichkeit der Geschichte zur Seite stand.

* „Wundersame Tränen oder Blutstropfen, die von Gemälden oder Statuen vergossen werden, finden sich am Ursprung einiger Marienwallfahrtsorte in Ungarn. Zeitgenössische Quellen berichten von neun Fällen im späten 17. bis frühen 18. Jahrhundert. Vier davon sind griechisch-katholische (Unierte) Orte, wie Máriapócs, der berühmte Wallfahrtsort in Ostungarn. Diese wundersamen Ereignisse stehen im Zusammenhang mit der damaligen Situation des Landes und der Kirche. Es war die Zeit der Vertreibung der Türken aus Ungarn, die Zeit der Gegenreformation, der Unabhängigkeitskriege gegen die Habsburger und der Bürgerkriege. Die Tränen wurden damals so interpretiert, dass Maria die Leiden des Volkes und die Spaltung der Christenheit bedauerte und sich nach der Wiederherstellung der christlichen Einheit und der Reorganisation der katholischen Kirche sehnte. Die wundersamen Geschehnisse hatten auch eine antiprotestantische Ausrichtung und dienten der Bekehrung der orthodoxen Ruthenen und Rumänen zur katholischen Kirche und der Organisation der griechisch-katholischen Kirche.“ Gábor Barna, Lehrstuhl für Volkskunde der Universität Szeged, Ungarn

Der mutigste Mann im Tal

Jürg Zbinden

Hättest Du den Mut gehabt, vor 50 Jahren ein ganzes Dorf zu kaufen? Oder eigentlich zwei, wenn man Bordei zu Terra Vecchia rechnet. Für 5’000 Franken – und dann 30 Millionen aufzutreiben, um die Ruinen und eingefallenen Dächer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Ein neues Wasserleitungssystem und die Kanalisation zu bauen, die Stromleitungen unterirdisch zu verlegen. Und all dies nicht aus Gewinnstreben, sondern um aus der Gesellschaft gefallenen Kindern und Jugendlichen eine neue Perspektive zu schaffen.

Es ist das Lebenswerk eines Pioniers, der in den Siebzigerjahren die Terra Vecchia aufbaute. Sein weithin sichtbares Denkmal ist der rote Kran, der nun auf die Vollendung der letzten Häuser wartet. Sein inneres Feuer aber, die Triebfeder für den bescheiden gebliebenen 70-jährigen, sind wohl die menschlichen Erfolge, die er stets in Gemeinschaft mit Vielen durch seine Bau-Therapie erreicht hat.

Jürg Zbinden, der Patriarch und Abt seines nicht religiösen Klosters steht heute vor der grossen Herausforderung, «Terra Vecchia Villaggio» in neue, zeitgemässe Strukturen zu überführen. Von all dem Erreichten selbst etwas loszulassen und neuen Kräften das Ruder zu überlassen.

Vieles hat sich gewandelt seit den Anfängen der ursprünglichen Stiftung «Terra Vecchia». Das Dorf ist gebaut. Doch was soll damit geschehen. Einige Teile funktionieren bereits, Neues entwickelt sich gerade. Das zukunftsträchtigste Projekt ist die „Kulturvermittlung im sehr peripheren Raum“ welches von Barbara Balba Weber geführt wird. Im „Kulturdorf für Junge“ findet man die Social Media Links. Wer sich für das Kulturdorf interessiert, ist herzlich eingeladen, am Sonntag, 1. August, um 11.11 Uhr nach Terra Vecchia zu wandern. Eine Gruppe junger Afghanen aus dem Tessin und Studentinnen aus der Deutschschweiz servieren Getränke, Kuchen, Geschichten und Lieder mit Migrationshintergrund. Um Anmeldung wird gebeten.

Das «Ritiro Terra Vecchia» im Kontext der wunderschön renovierten Kirche hat sich mit den „Ora et musica“ und „Ora et labora“ Meditationen bereits gut etabliert. Auch die Osteria, mit der perfekten Infrastruktur, die aber nur schwerlich kostendeckend zu betreiben ist. Zentral für die ganzen Betriebe ist die selbsttragende Land- und Forstwirtschaft. Wie kann die gebaute Schule und Werkstatt weiter genutzt werden für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, welche sich in ihrer Welt gefährdet und schutzlos fühlen. Neue Schulungs- und Ausbildungsprojekte sollen helfen und werden dem Dorf mehr Leben einhauchen.

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2017: Terra Vecchia noch im Aufbau

Ein erneuerter Stiftungsrat entwickelt zurzeit ein vorausschauendes Betriebskonzept, welches dem sozialen Kernauftrag zur beruflichen Integration gerecht werden soll und bestehende wie zukünftige Dienstleistungen auf ein sicheres finanzielles Fundament stellt. Für die Jahre 2023/24 ist bereits eine ausgeglichene Erfolgsrechnung für das Teilprojekt der beruflichen Integration geplant.

So präsentiert sich die Anlage heute:

Die Entstehung von Terra Vecchia (Raxa) geht auf das Jahr 1379 zurück. Einwohner dieses und anderer Dörfer der Centovalli sollen in Pisa und später in Livorno das Monopol als Lastenträger erhalten oder als Zöllner in Florenz gearbeitet haben. Der kleine Reichtum aus dieser Arbeit ermöglichte wohl die gute Grundsubstanz von Kirche und Häusern in Terra Vecchia.

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Terra Vecchia und Bordei sind heute die Musterdörfer des Tals. Nirgends sonst in den Centovalli finden sich so viele perfekt restaurierte Gebäude, die nicht nur touristische Bedürfnisse abdecken. Die rundum erneuerte Infrastruktur der Dörfer zeigt, wie man das Tal wieder zum Leben erwecken könnte, für Familien, für Kinder und nicht zuletzt für eine klimagerechte Zukunft mit Land- und Forstwirtschaft. Dies alles ist der visionären Kraft von Jürg Zbinden zu verdanken. Doch nicht allein um des Bauens willen. Er hat es vielmehr verstanden, Sponsoren, Behörden, Gemeinden und Sozialwerke einzubinden, um gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden einer Vielzahl von Jugendlichen über all die Jahre neues Selbstbewusstsein und neue persönliche wie auch berufliche Perspektiven zu vermitteln. Es bleibt zu hoffen, dass er die Früchte seiner Arbeit noch lange ernten kann.

Wer das Projekt finanziell unterstützen möchte, ist willkommen unter folgendem Spendenkonto:
Fondazione Terra Vecchia Villagio,
UBS Zürich, IBAN: CH54 0024 6246 3419 0402 N

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Und wer sich die Kleinode bei einer gut beschatteten Sommer-Wanderung von Bordei nach Rasa (oder umgekehrt) wieder mal persönlich anschauen möchte, sei aber gewarnt: Die schöne Osteria in Bordei ist momentan leider geschlossen.

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Noch mehr Informationen, noch mehr Bilder?
Unter diesem Link findet sich ein interessanter SRF- Schweiz aktuell – Beitrag «Ein Blick hinter die Kulissen der Sonnenstube». Jürg Zbinden erzählt 2019 von seinen Anfängen in Terra Vecchia.
Und zum Schluss noch ein Drohnen-Flug über Bordei.

Der längste Tag im Strafulóo

Der 21. Juni ist nicht nur der längste Tag des Jahres, sondern auch der Höhepunkt im Geschehen der geheimnisvollen Löcher an der Südwest-Seite des Ruscada-Massivs. Rund um die Sommersonnenwende ist von Monadello, im Grenzgebiet der Centovalli, ein einzigartiges Naturschauspiel zu beobachten: „I Böcc du Strafulóo“, die Augen von Strafuló. Die durch Erosion entstandenen Löcher im Innern eines Felsrückens wirken in diesen Tagen wie Fenster, die das Sonnenlicht zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr auf die im Schatten liegende Felswand projizieren.

Das Geschehen wird auch als Sonnenuhr der Centovalli beschrieben. Doch auch aus dem Valle Vigezzo, von der Alpe Caviano oberhalb Olgia kann das Phänomen beobachtet werden. Es nennt sich dort „I böcc ad l’aquila“, die Augen des Adlers. Beeindruckend die Fotos von Gianni Pantini, die sowohl im Buch von Dante Fiscalini als auch auf dessen Webseite zu sehen sind. Bereits 2007 haben Dante Fiscalini und Erminio Manfrina erste Vermessungen in den Felslöchern vorgenommen. 2014 wurde dann im Rahmen des – leider gescheiterten – Nationalpark-Projekts eine Stele in Monadello errichtet, welche das nur kurze Zeit im Jahr sichtbare Phänomen erläutert.

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© photos by Gianni Pantini


Warnhinweis: Die Autofahrt von Camedo nach Moneto und von dort nach Monadello kostet Nerven. Vorallem das letzte Strassenstück ist unübersichtlich, eng und nicht mit allzu vielen Ausweichstellen, dafür mit umso mehr Schlaglöchern versehen. Als Lohn sieht man schon vor Monadello rechterhand eine riesige Kastanie, die wohl von einem Blitz gespalten wurde, aber – trotz ihres hohen Alters von weit über 300 Jahren – immer noch stolz emporragt.

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In Monadello angekommen, ebenfalls rechterhand, findet sich eine Informationstafel. Was dort nicht zu lesen ist, habe ich im Buch von Dante Fiscalini gefunden. „Eine Geschichte, die auf den Anfang des letzten Jahrhunderts zurückgeht, von einem Abenteuer, das den jungen Männern Achille und Paolo Fiscalini aus Costa widerfuhr, die sich entschlossen, die Adlernester im Strafulóo zu besuchen. Zum Abseilen von den Felsen sollen sie das Seil vom Glockenturm der Kirche von Costa benutzt haben. Der Blick ins Nest gelang ihnen aber nicht, denn die Eltern der Adler kehrten angriffslustig und mit grossem Geschrei zurück.“ Vermutlich wurden dabei die Felsen-Fenster entdeckt.

Das erste schriftliche Dokument, welches sich auf die Löcher im Berg bezieht, befindet sich in einer Akte von Prof. Mario Gualzata „Beiträge zur Toponymie des Kantons Tessin von 1924“ und wird in der Kantonsbibliothek in Locarno aufbewahrt. (Quelle: „Costa alte Centovalli – otto secoli di storia“ II. Edizione 2021, Dante Fiscalini)

Nachtrag vom 31. August 2021: Familie Buff hat mir geschrieben, dass man von Cresto aus direkt in die abends beleuchtete Spalte sehen oder diese mindestens so erahnen könne. Zur gespaltenen Kastanie hat sie mir eine interessante Ergänzung geschicht: Der Baum hat tatsächlich unzählige Male als Blitzableiter für Cresto gedient, wurde allerdings letztlich Opfer der grossen Schneelast im Dezember 2020. Mein Sohn und ich haben vom Besitzer die Erlaubnis erhalten, im Frühjahr 21 den Platz zu räumen und das Holz zu nutzen. Das gab etwa 10 m3 Brenn- und Nutzholz und etwa gleich viel Abfall. Wir haben mit grosser Ehrfurcht vor dem alten Baum gearbeitet. An einem Hauptast in rund 3 Metern Höhe zählten wir etwa 200 Jahrringe und schätzten daher sein Alter wie Sie auf über 300 Jahre.

Die zwei Fotos ( © Monika und Peter Buff) zeigen die Kastanie vor 3 Jahren und in diesem Frühjahr.