«Alte Erde» als Kulturvermittlerin

Es war einer der letzten schönen und warmen Herbsttage im Centovalli, als mir gemeinsam mit vielen anderen Besucher*innen Emotionen einer Kultur vermittelt wurden, die nicht nur Wärme und Schönheit, sondern auch Schrecken birgt. Im Kulturdorf Terra Vecchia gedeiht wohl eines der speziellsten Projekte im Tal. Es sind zwei Frauen, die sich prozesshaft dem weiten Feld zwischen jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, Natur und Abgeschiedenheit des Dorfes, Handwerk und Künstler*innen, gemeinschaftlichem Leben und der Tessiner Bevölkerung verschrieben haben. Sie arbeiten für bescheidenen Lohn, aber mit reichlich innerem Feuer. Barbara Balba Weber, die Musik- und Kulturvermittlerin und Lea Stocker die interkulturelle Psychiaterin.

Afghanische Migrant*innen und Kunststudent*innen wie soll das zusammen gehen? Ganz gut! Die ausgestellten Werke und Installationen zeugen von Schicksalsverarbeitung, neuer Hoffnung in einem anderen Land, Spielfreude, Emotionen und gegenseitigem Lernen. Keine Therapiestation, kein Ferienpark, sondern professionelle Arbeit gemäss einem prozessorientierten pädagogischen Konzept. Die Migrant*innen, die im Wochenturnus während drei Tagen in Terra Vecchia leben, finden mit Theaterimprovisation, Video- und Klanginstallationen, Social Media und handwerklich künstlerischen Arbeiten neue Erfolgserlebnisse. An diesem Herbstwochenende haben sie ihre künstlerischen Arbeiten zu «Emigration früher und heute» gezeigt. Demnächst soll das Buch «Terra Vecchia Story» aus dieser Arbeit veröffentlicht werden.

Ein schönes Beispiel der kulturpädagogischen Arbeit ist die eigens entwickelte Methode des «Story telling». Sie ermöglicht den Teilnehmenden ihre eigene Geschichte im sozialen Setting, mit Emotionen aber auch künstlerisch zu verarbeiten und ihre Erlebnisse aus der Distanz zu beschreiben: Es war einmal…

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Lea Stocker und Roland Schaad
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Barbara Balba Weber
Lea Stocker und Stefan Schwarz
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Wenn es der 23-jährige Ahmadi Mohammad Nabi schafft, dem Publikum am heutigen Tag eine spontane Ansprache als Dank für seine positiven Erlebnisse in der fremden Welt zu machen, ist das ein grosser Schritt für einen afghanischen Geflüchteten. Von einer Bergwelt zur andern, aber auch von einer Kultur in eine ganz andere. Es ist die Ernte einer Arbeit weit abseits, die im Kleinen zu einer besseren Welt führt.

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Das afghanische Lied «Mein Land» verkörpert den Schmerz zum Verlust des Heimatlands der Migrant*innen und löst diese Gefühle auch in der hiesigen Kultur aus.

Getragen wird das Projekt von der Stiftung «Terra Vecchia Villagio», begleitet durch deren Stiftungsratsmitglied Stefan Schwarz und einen fachlichen Beirat. Spenden sind willkommen an: UBS Zürich, IBAN: CH54 0024 6246 3419 0402 N

Mit den nachstehenden Links findest Du weitere interessante Informationen und mit den Audio- und Videobeiträgen einen besseren Einblick in das Projekt. Der Einbezug der Öffentlichkeit wird weiter gesucht. Es wird auch nächstes Jahr wieder „Tage der offenen Werkschau“ geben. Stay tuned!

Beitrag des Schweizer Fernsehens zur Kulturvermittlung im Kulturdorf Terra Vecchia

Kurzfilm „Cultural Village Terra Vecchia“ auf dem YouTube-Kanal

Das Kulturdorf Terra Vecchia auf Facebook

Und auf Instagram

Schwein gehabt

Die Geschichte des Wildschweinchens von Bordei

„Meine wahre Geschichte beginnt 1910. Damals wanderte eine Gruppe junger, arbeitsloser Leute aus Bordei nach Florenz aus, um dort eine Beschäftigung zu finden. Als sie durch die Stadt zogen, sahen sie auf der Piazza del Mercato einen Brunnen, dessen Wasser aus einem bronzenen Wildschwein floss. Da kam ihnen der Übername der Bewohner von Bordei in den Sinn: “ Ciügn“, was im Tessiner Dialekt „Schwein“ bedeutet, und sie dachten, es wäre schön, eine Kopie im eigenen Dorf aufzustellen.

Das Original der Skulptur wurde im Jahre 1630 vom berühmten Bildhauer Pietro Tacca geschaffen und ist heute in einem Saal der Galleria degli Uffizi in Florenz ausgestellt. Die jungen Tessiner beschlossen, die Kopie anzufertigen und diese ihrem Herkunftsdorf zu schenken. Francesco Maggini wurde beauftragt, mich in der berühmten Giesserei Gusmano Vignali in Florenz giessen zu lassen. Leider kann ich mich an die Namen der anderen Tessiner nicht mehr erinnern.

Als ich fertig war, holte mich Francesco in der Giesserei ab gegen Bezahlung der beträchtlichen Summe von 170 Lire. Er kehrte als erster nach Bordei zurück, um seine Familie zu besuchen. Er nahm mich mit und setzte mich zuoberst auf den Dorfbrunnen. Meine Aufgabe bestand darin, durch meine Schnauze durstige Wanderer mit frischem Wasser zu versorgen. Das tat ich denn auch – während rund 5O Jahren – solange nämlich, wie der Brunnen gut erhalten blieb. In den Sechzigerjahren nahm mich jemand von meinem Platz und brachte mich fort, um mich zu verkaufen.

Als Frau Albertina Ambrosi, die Tochter von Francesco Maggini, davon erfuhr, erinnerte sie sich an mich und an meine Geschichte. Sie war noch im Besitz der Quittung der Florentiner Giesserei und begab sich so auf die Suche nach mir und fand mich schliesslich.

Ich blieb danach viele Jahre lang bei Frau Albertina Ambrosi zu Hause und hatte gar nichts zu tun. Als  sie mich endgültig verliess, wurde ich von ihrer Tochter Ebe Titocci aufgenommen. Auch dort verweilte ich mehrere Jahre als untätiges Ausstellungsobjekt.

Als Frau Ebe Titocci von der Absicht der Stiftung Terra Vecchia erfuhr, den Brunnen in Bordei wieder aufzubauen, übergab sie mich Jürg Zbinden, dem Gründer und Direktor der Stiftung, damit er mich zurück an meinen alten Platz stelle. Ich erfülle nun wieder die Aufgabe, für die ich geschaffen worden bin. Mit meinem erfrischenden Wasser stille ich den Durst der Leute und bin Ihnen dankbar, wenn sie mich respektieren.“

Diese Geschichte wurde lm Auftrag von Frau Ebe Titoccl geschrieben, in Erinnerung an ihren Grossvater Francesco und an ihre Mutter Albertina.

Minusio, 31. Dezember 2005 – Unbekannter Autor der Gedenktafel

Spiritualität in den Centovalli (3)

Ananda Dham – Besuch bei den Mönchen in den Alta Centovalli

Hoch oben am Weg nach Motto di Dórca, verborgen in den dichten Wäldern des Valle di Remo, einem Seitental des Centovalli, entfaltet sich ein kleines Paradies. „In Ögna“, ein Flecken, den Du nicht zufällig findest, sondern den Du in schweisstreibenden Stunden erwanderst, um im Berg-Ashram „Ananda Dham“ spirituelle Einkehr zu halten und Verbindung zu Deinem Schöpfer zu suchen. Es ist das Blumendorf einer kleinen, bunten Gemeinschaft, die dort ein Sri Krishna zugewandtes, bescheidenes Leben führt. Einer von ihnen ist der Mönch Krishna Chandra, der den Ashram mit gegründet hat und dich fröhlich lachend dort empfängt.

Anuradha eine Mönchin, die seit 5 Jahren in der Abgeschiedenheit von Ananda Dharm lebt, führte mich durch die Räumlichkeiten, den Tempel, die Küche, die Bibliothek und den Garten, der wichtige Teile der Selbstversorgung ermöglicht. Viel bewegender als diese Führung war aber für mich das persönliche Gespräch und die Erfahrung der Authentizität meiner Gesprächspartnerin – beeindruckt von ihren spirituellen Gedankengängen. Ganz bei sich selbst, aber mit aller Herzlichkeit habe ich mich bei ihr willkommen gefühlt. Mehr als nur etwas Sehnsucht kam auf, mir selbst einmal eine Auszeit für eine Veranstaltung im Ashram zu nehmen, weg von der Alltagshektik und auf zur Sinnsuche in mir selbst. Du findest, das töne nun etwas esoterisch? Das ist es ganz und gar nicht. Das Leben im Ashram ist stark geerdet, nicht Götterverehrung ist das Ziel, sondern Zwiesprache mit sich selbst, Stille.

Krishna Chandra

Morgens um vier Uhr versammeln sich die Mönche zum Gebet und nehmen viel später schweigend ein einfaches Frühstück ein. Nach dem Studium der Sanskrit-Schriften dient der Nachmittag alltäglicher Arbeit: den Blumen im wunderbaren Garten, dem Unterhalt des Geländes, dem Waschen und Kochen oder den verschiedenen Veranstaltungen und dem Bhakti-Yoga. Die sorgfältig gestaltete Website gibt Auskunft zu allen Aspekten. https://www.ananda-dham.com/

Krishna Chandra arbeitet(e) sowohl in Indien, als auch in der Schweiz als Sterbebegleiter. Wenn er in Indien die Asche eines Verstorbenen in den Ganges streute, sinnierte er, dass sich der Mensch doch recht viele Sorgen um dieses Häufchen Asche gemacht habe. Sorglosigkeit ist eines seiner obersten Ziele, doch nicht Sorglosigkeit seinen Mitmenschen oder der Umwelt gegenüber. Als vegane Gemeinschaft hat das Ashram auch schon spektakuläre Aktionen zur Bewusstmachung unseres Fleischkonsums und zum sinnlosen Schlachten von Tieren gemacht. Der gebürtige Zürcher Krishna Chandra forderte einmal bei einer Kundgebung auf dem Paradeplatz die Deklaration auf allen Fleischpackungen: „Fleisch ist tödlich fürs Tier. Es ist die grösste Verschwendung von Nahrungsmitteln und ist schädlich für Deine Gesundheit“.

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Mir scheint, es ist der Höhepunkt der Spiritualität in diesem Tal, denn gemäss den gelebten Lehren des „Sanatan-Dharma“ ist das Ashram weder Sekte noch dogmatische Religion. In der Vaishnava-Welt, der Tradition des theistischen Hinduismus ist der Ort als kontemplative Stätte zur Besinnung und Ausrichtung zu verstehen, wo Meditation, Einkehr nach innen und Stillepraxis im Dienste der Suche nach einer lebendigen Beziehung mit Gott (in Gestalt von Radha und Krishna) gelebt wird. Herzlichen Dank Anuradha, herzlichen Dank Krishna Chandra, dass ich ein paar Stunden von eurem Leben teilen durfte!

Es ist wichtig, für einen Besuch des Ashrams vorgängig anzufragen und sich entsprechend anzumelden: https://www.ananda-dham.com/anmeldung-kontakt/  oder +41 77 531 45 66. Da der normale Weg infolge Unwettern abgerutscht ist, beachte bitte die Angaben auf der Website, um die Alternativroute zu begehen. Ananda Dham ist auch als Verein organisiert. Es gibt darüber hinaus sehr viele dem Ashram nahestehende Menschen.

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Texttafeln begleiten den Weg zum Ashram und regen zum Nachdenken an.

„Eine Seele, der Freiheit nicht einfach nur ein theoretisches Wort ist, sondern die sie wirklich zu leben gedenkt, soll in ihrem Haus genau wie ein Gast leben. Das bedeutet, ohne ein Eigentumsrecht oder Besitzanspruch und ohne ein Identitätsgefühl darin. Auf diese Weise wird sie nie gebunden von häuslichen Angelegenheiten.“
(Srimad Bhagavatam 11.17.54)

Coole Wanderung für heisse Tage

Nach dem Jahr-Hundertwasser in diesem Sommer sieht es doch nochmals nach feucht-heissen Tagen aus, an denen eine schattige, nicht allzu steile Wanderung gefragt ist. Es ist ein Klassiker für Besucher der Centovalli, auch wenn der Start- (oder) Zielpunkt im Onsernone-Tal liegt. Eine recht gemütliche Angelegenheit, die historische Gedanken anregt, aber auch an einer interessanten zeitgenössischen Einrichtung vorbeiführt.

Um ohne waghalsige Autofahrt nach Loco zu fahren, nimmst Du am besten frühmorgens das Postauto von Intragna Ponte Richtung Spruga bis zur Haltestelle Loco Chiesa. Dann etwas in Fahrtrichtung gehen, um sich linkerhand einen feinen Espresso und ein Cornetto vuoto zu genehmigen. Passend zur Wanderung ist auch ein Besuch im Onsernone Museum zu empfehlen. Bis zum 31. Oktober 2021 ist dort die temporäre Ausstellung „Onsernone – gestern und heute: Transformationen im 20. Jahrhundert“ zu sehen.

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Entweder zurück oder durch das Dorf gehen, um einen der linkerhand liegenden Wanderwege hinunter zum Fluss Isorno und über die Brücke bei Niva zu nehmen. Danach folgt der einzige etwas anstrengende Aufstieg unter dem kühlenden Blätterdach des Waldes, immer Richtung Intragna. Der wunderschöne alte Steinweg, der früher dem Transport von Stroh-Hüten und Stroh-Bändern aus dem Onsernone-Tal in die weite Welt diente, steht heute nur noch Wanderungen zum Zeitvertreib zur Verfügung. Der Journalist Alex von Roll hat dazu einen bemerkenswerten, aber auch fröhlichen Bericht geschrieben (unbedingt lesen) und errechnet, dass die Gestaltung eines solchen Weges heute über 5 Millionen Schweizer Franken kosten würde. Um allein die jährlichen Betriebskosten zu finanzieren, müsste jeder Wanderer 27 Franken für die Benutzung des Wegs bezahlen. Eine nachdenklich stimmende Berechnung.

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Nach einiger Zeit erblickst Du linkerhand und völlig unerwartet eine gepflegte Anlage, Baumhotel inklusive. Du bist in „Vosa di dentro„. Die Einrichtung bietet ein Time Out für junge Erwachsene mit einer strafrechtlichen oder erzieherischen Massnahme, samt ärztlicher und psychiatrischer Begleitung und baut weitgehend auf Selbstversorgung. Falls Du einen Rucksack mit dabei hast, kannst Du aber auch vom feinen Kastanien-Honig kaufen. Weiter geht’s bis zur Kapelle von Vosa, wo Du auf dem schönen Vorplatz rasten kannst.

Munter weiter und bergab geht es über Costa Pila nach Intragna, wo Du Deine Reise mit einem Besuch im Museo Centovalli e Pedemonte abschliessen kannst. Alternativ lockt auch vielerorts ein kaltes Bierchen oder ein erfrischendes Gazosa Mandarino.

Schreib mir bitte einen Kommentar, wie Dir die Wanderung gefallen hat oder was Du noch weiter entdeckt hast.

Spiritualität in den Centovalli (2)

La Madonna Ungherese di Verdasio

Wer die Via Mercato von Camedo Richtung Intragna erwandert, kann sie nicht verfehlen. Etwas ausser Atem vom langen Aufstieg nach Verdasio, leuchtet einem in schönen Tessiner Farben das Bildnis der «Madonna Ungherese» entgegen. Unter dem Marienbild ist zu lesen: „Vero ritratto del imagine miracolosa di Paez nel regno di Ungaria laquale l’anno 1696 nel mese di novembre lacrimò più volte sangue ed acqua.“ (Das wahrhaftige Porträt des wunderhaften Bildes von Paez im ungarischen Königreich, das im November 1696 mehrere Male Blut und Wasser weinte.)

©Ascona-Locarno Tourism
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Doch wie kommt ein aus Ungarn stammendes Madonnenbild ins Centovalli nach Verdasio? Wieder war es der Ungar Karl Kerényi (1897-1973), der mir das Geheimnis – zumindest etwas – lüftete. In seiner Eigenschaft als Kulturwissenschaftler, Philologe und Mythologe wanderte er in den Vierzigerjahren durch die Landschaft des Locarnese, die er zu seiner zweiten Heimat erkoren hatte und die er, «wie es Botaniker tun, gerne mit dem alten Namen Insubrien bezeichnete».

Kerényi erkannte eine Verbindung des Marienkults zwischen Ungarn und unserer südlichen Region. «Die Muttergottes von Christinenstadt, in Buda, wurde „Jungfrau Maria der Schornsteinfeger“ genannt und es wurde gesagt, dass sie von einem Handwerker aus dem Süden gebracht wurde.»

Bereits frühere Erforscher der Tessiner Zivilisationsgeschichte (Bonstetten u.a.) beschäftigten sich mit den Verbindungen aus Tessiner Tälern zu zahlreichen Orten in Europa «wo die Schornsteinfeger her kommen, welche Schornsteine in Amsterdam und Rotterdam reparieren». Kerényi schreibt weiter: «Aus ungarischen Briefen vom Ende des 18. Jahrhunderts wusste ich, dass die Art des Heizens und die Bedingungen, unter denen der Winter in den großen aristokratischen Landhäusern verbracht wurde, denen in Ungarn ähnlich waren, wie sie auch im übrigen Mittel- und Nordeuropa herrschten. Wie ich später erfuhr, besteht die Verbindung zwischen Rotterdam und Cavergno, einem Dorf im Maggiatal, dank der Erben der Schornsteinfeger noch heute

Foto © Massimo Pedrazzini Losone „La madonna ungherese di Verdasio“ (vor der Restaurierung der Kapelle)

«Heute erfuhr ich, dass die Pfarrkirche von Christinenstadt Informationen über die Herkunft ihrer Madonna und sogar den Namen des Schornsteinfegers bewahrt hat. Sein Name war Peter Paul Francin, und während der großen Pest von Buda (heute Budapest), unmittelbar nach der Befreiung der Stadt von den Türken, versprach er, falls er überleben würde, mit seiner Familie nach Re, im Valle Vigezzo, zur Madonna des Blutes zu gehen. Er hielt sein Gelübde und brachte 1694, eine Reproduktion zurück. Das bedeutet, dass sich der Schornsteinfeger von Buda dem religiösen Leben in den südlichen Alpentälern nicht fremd fühlte. Seine Herkunft verbindet ihn wahrscheinlich entweder mit dem italienischen Vigezzo-Tal oder vielleicht mit dessen Schweizer Fortsetzung. Verdasio, in den Centovalli, mit seiner «Madonna Ungherese», befindet sich auf dem kürzesten Weg zwischen Re und dem Gotthard-Pass und liegt somit auf der «insubrischen» Straße, die der Schornsteinfeger passieren musste, um Ungarn zu erreichen.» Es wäre also durchaus möglich, dass Paul Francins Wurzeln in Verdasio lagen, wo die Reproduktion schlussendlich ihren Platz gefunden hat.

Bei unzähligen Bildstöcklein und Kapellen war Kerényi immer wieder fasziniert von der Inschrift „In gremio matris sedet sapientia patris“ («Im Schoss der Mutter, liegt die Weisheit des Vaters»). Er siedelte diese Inschrift bei der theologia mystica an, die sich wohl in der Lombardei verbreitet haben könnte, erinnerte sich aber an eine Inschrift aus seiner Heimat Ungarn, unter einem Madonnenbild in der Pfarrkirche von Christinenstadt (heute ein Stadtteil von Budapest). Zum Marienkult schreibt er: «Einige der hervorstechenden und dokumentierten Episoden des Marienkults, im Valle Vigezzo, zwischen Ascona und Re, fanden im 15. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der italienischen Renaissance statt. Acht Jahre vor dem Wunder in Re, ereigneten sich Erscheinungen auf der Straße durch Golino zum Centovalli. Eine schöne Renaissance-Kirche mit einem Portikus, unmittelbar nach Losone, trägt die Inschrift „QVI CANNO MCDLXXXVI APPARVE LA B. V MARIA“ (Hier ist 1486 die Mutter Maria erschienen) … Dies ohne Erwähnung von Blutwundern … Anders verhält es sich mit dem Wunder, das über das bekannte Heiligtum von Re erzählt wird. Das Bild der Madonna, das sich in dieser Kirche befand und bis zu diesem Zeitpunkt nicht besonders verehrt wurde, erlitt durch einen von einem bösen Jungen geworfenen Stein eine Wunde an der Stirn und blutete. In den Tessiner Tälern ist der häufigste Typus der Heiligenbilder in den Kapellen mit dem Zeichen des Blutes und der mystischen Formel versehen…» Dass bei der Madonna in Verdasio nebst den Tränen auch Blut ins Spiel kam, schrieb Kerényi «der mittelalterliche Seele zu, die in Italien mit Blutwundern auf das Heidentum der Hochrenaissance reagierte. … Die Geschichte der geistigen, intellektuellen, religiösen und kulturellen Prozesse läuft hier in einer einzigen Strömung zusammen, die sich von Süden nach Norden bewegt und auf die aus dem Norden kommende trifft. Auf Wikipedia finden sich weitere Erläuterungen dazu *.

Ein letztes Rätsel bleibt auf der Suche nach dem Ursprung des Bildes und des Blutes. Ist Paez nun Pécs oder Pòcs (heute Mariapòcs im Nordosten Ungarns), geht es um Tränen oder Blut und wohin ging die Reise des Bildes? «Das von einem ungarischen Bauern (Csigri) um 1676 auf einen Tisch gemalte Bild verkaufte er für sechs Gulden an einen gewissen Lorenz Hurta. Dieser schenkte es der orthodoxen katholischen Kirche in Pòcs, wo es für zwanzig Jahre blieb, ohne besonders verehrt zu werden. Am 14. November 1696 wurden zum ersten Mal Tränen in den Augen der Muttergottes beobachtet und die Sache wiederholte sich mehrmals bis zum 8. Dezember, dem Tag der Unbefleckten Empfängnis. Die Einwohner von Pòcs behaupten, dass das weinende Marienbild nie von dort entfernt wurde und dass die Muttergottes dort zum letzten Mal im Jahre 1905 geweint habe. Im Wiener Stephansdom wird aber das Original angesiedelt als «Unsere liebe Mutter von Pötsch».

photo ©Ascona-Locarno Tourism

Der Weg von Ostungarn in die Schweiz führte durch das Habsburger Reich und begann wohl in Pòcs. Die Offiziere der kaiserlichen Armee wurden dort vorgeladen, um dem Wunder der weinenden Madonna von Pötsch, einem einfachen, ikonenhaften Tempera-Gemälde auf Ahornholz beizuwohnen. Sogar der Generalleutnant, Befehlshaber der in Oberungarn stationierten Truppen, Graf von Corbelli, wurde einbestellt. Durch ihn erfuhr auch der Wiener Hof von dem wundertätigen Bild. Es wurde am 1. Dezember 1697, ein Jahr vor dem Bau der Verdasio-Kapelle, in die kaiserliche Favorita gebracht und dann von den Augustinern in die Hofkirche überführt, wo sie – so beschreibt es der Stephansdom – „von der heiteren Kaiserin mit einer mit Diamanten und anderen Edelsteinen besetzten Rose geschmückt und mit dem Namen ‚Rosa Mystica‘ geehrt wurde. Sie wurde dann mit einer langen Prozession in den Stephansdom überführt, wo sie zur öffentlichen Verehrung auf einem neben der Schatzkammer errichteten Altar aufgestellt wurde, aber dort nie mehr Tränen vergoss.» Die griechisch-orthodoxe Pfarrkirche von Pötsch erhielt im Jahr 1707 eine originalgetreue Kopie des Gemäldes, welches noch bis ins Jahr 1905 Tränen vergoss.

Ich kann in diesem Blog-Beitrag nicht alle kulturwissenschaftlichen Gedanken Kerénys wiedergeben, die er in seinem «Tessiner Schreibtisch. Mythologisches Unmythologisches, 1963» erwägt. Er zieht faszinierende Verbindungen von der «Schwarzen Madonna in Einsiedeln» zur «Madonna der Schornsteinfeger» in Budapest und wieder nach Ascona zur «Schwarzen Madonna» in der Kapelle der Villa Sogno bis zur «Madonna del Sasso» bei Locarno. Dabei erwähnt er nebenbei auch „den nicht starren Unterschied zwischen dem Schornsteinfeger (spazzocamino) und dem Kaminfeger (fumista), der Kamine baut und repariert.

In der Tessiner Bibliothek meines früheren Hausbesitzers habe ich schon die eine und andere Trouvaille entdeckt. Für die ersten beiden Beiträge zur Spiritualität in den Centovalli war es das schmale Büchlein «La Madonna ungherese di Verdasio» von Karl Kerényi, welches 2012 in einer Neuauflage bei Armando Dadò Editore (in italienischer Übersetzung) erschienen ist. Leider sind die ursprünglich deutschsprachigen Texte für mich nicht auffindbar.

Geholfen für das Verständnis der doch recht komplexen Geschichte hat mir der sehr schöne italienischsprachige Artikel von Oliver Scharpf in der Zeitung Azione – Settimanale di Migros Ticino «La Madonna ungherese di Verdasio»

Gedankt sei an dieser Stelle auch meiner Nachbarin und Namensvetterin der Madonna, Maria Losem-Steinebach, die mir bei der Übersetzung der italienischen Texte und für die Verständlichkeit der Geschichte zur Seite stand.

* „Wundersame Tränen oder Blutstropfen, die von Gemälden oder Statuen vergossen werden, finden sich am Ursprung einiger Marienwallfahrtsorte in Ungarn. Zeitgenössische Quellen berichten von neun Fällen im späten 17. bis frühen 18. Jahrhundert. Vier davon sind griechisch-katholische (Unierte) Orte, wie Máriapócs, der berühmte Wallfahrtsort in Ostungarn. Diese wundersamen Ereignisse stehen im Zusammenhang mit der damaligen Situation des Landes und der Kirche. Es war die Zeit der Vertreibung der Türken aus Ungarn, die Zeit der Gegenreformation, der Unabhängigkeitskriege gegen die Habsburger und der Bürgerkriege. Die Tränen wurden damals so interpretiert, dass Maria die Leiden des Volkes und die Spaltung der Christenheit bedauerte und sich nach der Wiederherstellung der christlichen Einheit und der Reorganisation der katholischen Kirche sehnte. Die wundersamen Geschehnisse hatten auch eine antiprotestantische Ausrichtung und dienten der Bekehrung der orthodoxen Ruthenen und Rumänen zur katholischen Kirche und der Organisation der griechisch-katholischen Kirche.“ Gábor Barna, Lehrstuhl für Volkskunde der Universität Szeged, Ungarn