Sant’Ercole

„Kein Brot ist hart, aber kein Brot ist hart.“ Das sagt sich auch der barmherzige Bäcker, der seit bald fünfzig Jahren mit seinem Bus durch die Dörfer der Centovalli fährt. Unermüdlich und selbst seit vielen Jahren im Pensionsalter bringt Ercole Pellanda seine Farfalle und Millefoglie zu den alteingesessenen Dorfbewohnern, die sonst kaum die Möglichkeit hätten, an frisches Brot und andere Leckereien des Bäckers zu gelangen.

© hans@fotokern.ch

Dass der – liebevoll nur Ercole genannte – Bäcker aber während der Strassensperrung (infolge Bergsturz bei Camedo) zwei Stunden über das Val Cannobina zu den Weilern oberhalb Camedos fährt, ist mehr als bemerkenswert. Meine Nachbarn haben ihn in Borgnone getroffen und gefragt, wieso er dies auf sich nähme. Der auch durch seinen Glauben motivierte Mann meinte, er könne doch seine Kunden in dieser Zeit nicht alleine lassen. Insbesondere die hundertjährige Frau, der er seit über vierzig Jahren das Brot zweimal die Woche bringe…

Berühmt ist die Bäckerei des Ercole Pellanda schon lange; geführt wird sie heute von seinem Sohn Alberto, gemeinsam mit der ganzen Familie. Zum Hauptgeschäft in Intragna gehört auch die kleine Cafeteria „Centvai“ mit der Terrasse, welche einen einmaligen Blick in die Terre di Pedemonte ermöglicht. Doch davon mehr vielleicht ein andermal….

Vor vielen Jahren, drehte das damalige „Betty Bossi-TV“ einen kleinen Film über die Herstellung des wohl berühmtesten Ercole-Produktes, des weihnachtlichen Panettone. Leider ist der schöne Beitrag heute nicht mehr in besserer Qualität erhältlich… aber der Panettone schon. Gönn Dir doch auch einen in der Vorweihnachtszeit!

© Betty Bossi

Bergrutsch bei Camedo – Strasse gesperrt

Am 7. Oktober 2020 um 21.30 Uhr gab es einen grösseren Bergrutsch vor der Mülldeponie bei Camedo. Glücklicherweise ohne Personenschaden! Die Strasse von Locarno/Intragna nach Domodossola und zu den Dörfern Camedo, Borgnone, Costa und Lionza ist gemäss ViaMichelin bis 29.10.20 gesperrt. Tatsächlich meldet „La Regione“ heute, dass die Kantonsstrasse – auf der Höhe des Abfalldepots in Camedo – ab Donnerstag, 29.10. wieder für den Wechselverkehr von 17.00 bis 20.00 Uhr und am Freitag, 30. Oktober, in den Zeitfenstern von 5.30 bis 8.00 Uhr; 12.30 bis 13.30 Uhr und 17-20 Uhr geöffnet wird. In den übrigen Zeiten gilt nach wie vor die langwierige Umfahrung über Brissago-Cannobio-Malesco bis Camedo oder Domodossola – vice versa. Die nachstehenden Bilder stammen von der Facebook-Seite von Fabio Balassi.

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Bereits am Tag danach zeigt sich, dass die Behebung dieses Murgangs wohl längere Zeit dauern dürfte. Unser Lokalfotograf Wilfried Losem reiste an die Unglücksstelle. Die Arbeiten haben derzeit noch nicht einmal begonnen. Dies vermutlich aus Sicherheitsgründen, da andere Teile des Hangs rutschgefährdet sein sollen.

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Die Gemeinde Centovalli kümmert sich lobenswerterweise ebenfalls um den Vorfall und bietet den Bewohnern der abgeschlossenen Dörfer einen Lieferservice für Nahrungsmittel und Medikamente. Weitere Informationen zu Postservice und Schülertransporten sind ebenfalls enthalten. In diesem PDF (italienisch) findest Du die entsprechenden Angaben. Falls Du einzelne Passagen nicht verstehst, empfehle ich Dir https://deepl.com zur fast perfekten Übersetzung. Vielen Dank an die Gemeinde Centovalli!

© nau.ch

Das Schweizer Nachrichtenportal nau.ch berichtete mit einem spektakulären Drohnenvideo von der Unglücksstelle. Auch das untenstehende Foto stammt aus dem Beitrag des Online-Portals.

© nau.ch

Bitte benachrichtige mich über die Kontakt- oder Kommentarfunktion, falls die Strasse trotz den Ankündigungen wieder gesperrt sein sollte.

Geschichte aus acht Jahrhunderten

Die nachfolgend angekündigte Buchvernissage vom 11. Oktober fällt leider aus. Da die Strasse nach Borgnone aus der Schweiz bis gegen Ende Oktober nicht mehr zugänglich sein wird, hat der Museumsdirektor Mattia Dellagana die Veranstaltung absagen müssen. Das Buch kann zum Preis von CHF 30 im Regionalmuseum und im Infopoint von Intragna sowie in den Buchhandlungen der Region bezogen werden. Der Verkaufserlös wird vollständig für die Erhaltung und Aufwertung des kulturellen Erbes in den Alte Centovalli verwendet.

Am 11. Oktober feiert die Neuauflage des Buches „Costa – alte Centovalli: otto secoli di storia“ Première. Mattia Dellagana, Kurator des Regionalmuseums Centovalli und Pedemonte lädt ein zur Vernissage um 10.30 Uhr auf dem Kirchplatz von Borgnone. Der Autor, Dante Fiscalini, wird dabei anwesend sein.

Bereits kurz nach der Erstveröffentlichung 2006 war dieses schön bebilderte Geschichtsbuch ausverkauft. Es zeigt und erläutert die ältesten Dokumente aus dem Tal, nimmt Bezug auf Besiedelung und Entwicklung über die Jahrhunderte und beschreibt – als besonderen Leckerbissen – beispielhaft die Häuser von Costa Borgnone. Das Buch wurde teilweise überarbeitet und mit neuen Texten und Bildern angereichert. Leider ist das Werk, an dem auch Prof. Daniele Maggetti mitgearbeitet hat,  bislang nur in italienisch erhältlich. Trotzdem ein „Muss“ für jede*n Centovalli-Liebhaber*in!

Wenn Du nächsten Sonntagvormittag nichts anderes vor hast: Auf nach Borgnone! Es ist auch eine gute Gelegenheit, Leute aus dem Tal kennenzulernen. Das Buch wird später im Museo in Intragna zum Verkauf bereit stehen.

Via del mercato – delle rustici

Die Herbstferien stehen bevor und viele packen schon die neuen Wanderschuhe, die Socken und die Stöcke in den Rucksack. Endlich animieren die tieferen Temperaturen wieder zu längeren Ausflügen an den steilen Hängen der Centovalli.

Via del mercato auf Schweizer Seite

Eigentlich wird die „Via del mercato“ bereits in fast jeder Tessiner Tourismusbroschüre oder -website beworben und ist den meisten temporären oder stationären Bewohnerinnen des Tals bekannt. Da in diesem Corona-Sommer aber doch viele Ausflügler, Camper und Mieterinnen von Ferienwohnungen zum ersten Mal in den Centovalli landeten, lohnt sich der Hinweis vielleicht doch. Wer nun einfach die Wegbeschreibung sucht, der oder die seien auf die schöne Seite von Ticino Tourismus verwiesen.

Video © der Agenzia turistica ticinese

Gehandelt wird im Tal infolge fehlender Ladengeschäfte kaum mehr und die Handelswege zwischen Italien und der Schweiz haben schnellere Routen als die alten Eselspfade gefunden. Gehandelt wird vornehmlich und wieder vermehrt mit Liegenschaften. Während in anderen Schweizer Regionen wie im Engadin oder im Mattertal der Verkauf von Wohneigentum in den letzten Jahrzehnten boomte, blieben die Rustici in den Tälern des Sopraceneri buchstäblich auf ihren Besitzern sitzen. Seit den Corona-Reisebeschränkungen zeigten sich jedoch viele Objekte abseits von Ascona, Locarno und Lugano plötzlich als vergleichsweise günstige Alternativen. Einen derartigen „run“ auf Rustici zu Kauf oder Miete habe ich jedenfalls in den letzten 35 Jahren nicht erlebt.

Unterwegs auf der Via del mercato

Wer nun nichts Kritisches lesen will, soll diesen Abschnitt besser überspringen. Leider sind nämlich innerhalb eines Jahres mit dem Kauf der meist günstigen Immobilienangebote auch Leute in die Dörfer gekommen, die keinen wirklichen Bezug zur Gegend und Kultur des Tales hatten oder haben. Sie interessieren sich nicht, wer ihre Nachbarn sind, sie sprechen kein oder kaum italienisch und kümmern sich weder um Gepflogenheiten noch Vorschriften – selbstredend sind damit nicht alle gemeint. Es wird im Parkverbot geparkt, sodass Feuerwehr und Ambulanz stecken bleiben, im Garten werden trotz höchster Waldbrand-Gefahrenstufe riesige Feuer entzündet und den Kindern wird bei akutem Trinkwassermangel das Schwimmbecken gefüllt. Dass sich dann auch die Anzahl der Hunde an gewissen Orten verzehnfacht! hat, kann man niemandem zum Vorwurf machen. Aber dass sich viele Einheimische vor den Tieren fürchten, wenn sie verbotenerweise in den Dörfern von der Leine gelassen werden, stimmt schon bedenklich. Und wenn Du Dich nun zur „Via del mercato“ aufmachst, wirst Du Deine Schuhe vermehrt von liegengelassenen Hundeexkrementen säubern müssen – wir sind ja auf dem Lande… Dabei will ich all den Neuzuzügern nicht die Hoffnung absprechen, dass sich ihre Sensibilität für Natur und Menschen weiterentwickelt und dass wieder neue, verschworene Gemeinschaften die Ruhe und Schönheit der Centovalli geniessen werden. Glücklicherweise sind die Zustände hier noch nicht so schlimm wie im Verzascatal, wo man diesen Sommer für einen Badeausflug zum Fluss stundenlang im Verkehrs-Stau stehen musste.

Blick nach Intragna – rechts unten liegt der Bahnhof

Endlich nun aber zum Wandervorschlag „Via del mercato“. Der alte Handelsweg führt fast über die gesamte linke* Talseite, mit Sonne selbst im Winter. Dies war wohl auch der Grund der Streckenführung bereits im Mittelalter. Bis ins 19. Jahrhundert wurde der Weg aktiv genutzt, meist aber in Richtung Italien ins Valle Vigezzo und Val d’Ossola – nicht zuletzt für Arbeitssuchende aus dem Tessin. Durch die Ost-West Ausrichtung der Täler (aha: zwischen Afrika und Europa!) liessen sich die mühsamen Bergüberquerungen vermeiden.  Es ist eine Wanderung, die man kaum gern hin und zurück geht, sondern vorzugsweise ab dem Bahnhof Camedo über Lionza und Verdasio nach Costa Pila bis Intragna in Angriff nimmt. Danach fährst Du mit der Centovallina nach Camedo zurück oder auf die andere Seite Richtung Locarno. Der Weg ist hier auf Ticino Tourismus vorzüglich mit Wegzeiten und Höhenkurven beschrieben. Es gibt aber auch interessante Varianten: So lässt sich ab Intragna Richtung Calezzo starten oder mit der Seilbahn direkt nach Costa Pila abkürzen. Dort informiert der Wegweiser über weitere Möglichkeiten (siehe untenstehendes Bild). Wer Probleme mit den Knien hat, nimmt danach wieder die Seilbahn bis Verdasio und fährt mit der Centovallina weiter. Ansonsten hilft auch der gute Fussweg hinab nach Verdasio der Verdauung.

Der Wegweiser auf Costa Pila…
… und einige romantisierende Impressionen von ERSLVM

Zum Schluss noch ein heisser Tipp ganz allgemein für Wanderungen: Die neue kostenlose App „Swiss Topo“ (iOS und Android) bringt eine hervorragende Auflösung in der Luftansicht und lässt nach Bedarf u.a. „Wanderwege“ oder „Wanderland SchweizMobil“ einblenden. Zückerchen dabei: Wer eine Adresse sucht, kann im Luftbild etwas länger direkt auf ein Haus drücken und erhält den Ort mit Strasse und korrekter Hausnummer. Toll, was?

* orographisch

Interessantes aus dem Kaminfegertal

Wusstest Du, dass die Centovalli auf alten Karten als Kaminfegertal bezeichnet waren? Dass das Tal noch vor 20’000 Jahren bis auf 2000 m Höhe im Eis verborgen lag? Was die Tessiner Fahne mit Paris zu tun hat oder wieso es im Tessin keine Kirchtürme gibt? Dass Intragna  der Name «Zwischen den Flüssen» gegeben wurde und Dreh- und Angelpunkt des europäischen Handels mit Kaminfeger-Kindern war oder woher eigentlich der Name des Gotthard-Passes stammt? Wenn Du auf unterhaltsame Weise in die Geschichte der Centovalli eintauchen möchtest, kannst Du dies und noch viel, viel mehr von Stefano Früh, Lokalhistoriker und Turmwart, erfahren.

Gebannt habe ich mit einer kleinen Gruppe während zweieinhalb Stunden seinen Ausführungen zu den Entwicklungen im Tal gelauscht. Trauriges aus dem Leben der ärmsten Bevölkerungsschicht der Region erfahren und spannende Geschichten über die Spazzacamini gehört – und noch mehr im Buch von Elisabeth Wenger «Als lebender Besen im Kamin» gelesen: ISBN 978-3-8334-7170-4

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Auf dem Dorfplatz von Intragna, im «Museo centovalli e pedemonte» und in schwindeleregender Höhe auf dem höchsten Glockenturm des Tessins kannst Du das Erlebnis jeden Mittwoch ab 10. 30 Uhr für CHF 15 pro erwachsene Person teilen. Anmeldung erforderlich, Tickets unter: https://www.centorustici.ch/tours