Der längste Tag im Strafulóo

Der 21. Juni ist nicht nur der längste Tag des Jahres, sondern auch der Höhepunkt im Geschehen der geheimnisvollen Löcher an der Südwest-Seite des Ruscada-Massivs. Rund um die Sommersonnenwende ist von Monadello, im Grenzgebiet der Centovalli, ein einzigartiges Naturschauspiel zu beobachten: „I Böcc du Strafulóo“, die Augen von Strafuló. Die durch Erosion entstandenen Löcher im Innern eines Felsrückens wirken in diesen Tagen wie Fenster, die das Sonnenlicht zwischen 18 Uhr und 19.30 Uhr auf die im Schatten liegende Felswand projizieren.

Das Geschehen wird auch als Sonnenuhr der Centovalli beschrieben. Doch auch aus dem Valle Vigezzo, von der Alpe Caviano oberhalb Olgia kann das Phänomen beobachtet werden. Es nennt sich dort „I böcc ad l’aquila“, die Augen des Adlers. Beeindruckend die Fotos von Gianni Pantini, die sowohl im Buch von Dante Fiscalini als auch auf dessen Webseite zu sehen sind. Bereits 2007 haben Dante Fiscalini und Erminio Manfrina erste Vermessungen in den Felslöchern vorgenommen. 2014 wurde dann im Rahmen des – leider gescheiterten – Nationalpark-Projekts eine Stele in Monadello errichtet, welche das nur kurze Zeit im Jahr sichtbare Phänomen erläutert.

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© photos by Gianni Pantini


Warnhinweis: Die Autofahrt von Camedo nach Moneto und von dort nach Monadello kostet Nerven. Vorallem das letzte Strassenstück ist unübersichtlich, eng und nicht mit allzu vielen Ausweichstellen, dafür mit umso mehr Schlaglöchern versehen. Als Lohn sieht man schon vor Monadello rechterhand eine riesige Kastanie, die wohl von einem Blitz gespalten wurde, aber – trotz ihres hohen Alters von weit über 300 Jahren – immer noch stolz emporragt.

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In Monadello angekommen, ebenfalls rechterhand, findet sich eine Informationstafel. Was dort nicht zu lesen ist, habe ich im Buch von Dante Fiscalini gefunden. „Eine Geschichte, die auf den Anfang des letzten Jahrhunderts zurückgeht, von einem Abenteuer, das den jungen Männern Achille und Paolo Fiscalini aus Costa widerfuhr, die sich entschlossen, die Adlernester im Strafulóo zu besuchen. Zum Abseilen von den Felsen sollen sie das Seil vom Glockenturm der Kirche von Costa benutzt haben. Der Blick ins Nest gelang ihnen aber nicht, denn die Eltern der Adler kehrten angriffslustig und mit grossem Geschrei zurück.“ Vermutlich wurden dabei die Felsen-Fenster entdeckt.

Das erste schriftliche Dokument, welches sich auf die Löcher im Berg bezieht, befindet sich in einer Akte von Prof. Mario Gualzata „Beiträge zur Toponymie des Kantons Tessin von 1924“ und wird in der Kantonsbibliothek in Locarno aufbewahrt. (Quelle: „Costa alte Centovalli – otto secoli di storia“ II. Edizione 2021, Dante Fiscalini)

Nachtrag vom 31. August 2021: Familie Buff hat mir geschrieben, dass man von Cresto aus direkt in die abends beleuchtete Spalte sehen oder diese mindestens so erahnen könne. Zur gespaltenen Kastanie hat sie mir eine interessante Ergänzung geschicht: Der Baum hat tatsächlich unzählige Male als Blitzableiter für Cresto gedient, wurde allerdings letztlich Opfer der grossen Schneelast im Dezember 2020. Mein Sohn und ich haben vom Besitzer die Erlaubnis erhalten, im Frühjahr 21 den Platz zu räumen und das Holz zu nutzen. Das gab etwa 10 m3 Brenn- und Nutzholz und etwa gleich viel Abfall. Wir haben mit grosser Ehrfurcht vor dem alten Baum gearbeitet. An einem Hauptast in rund 3 Metern Höhe zählten wir etwa 200 Jahrringe und schätzten daher sein Alter wie Sie auf über 300 Jahre.

Die zwei Fotos ( © Monika und Peter Buff) zeigen die Kastanie vor 3 Jahren und in diesem Frühjahr.

3 Antworten auf „Der längste Tag im Strafulóo“

  1. Hallo Robert,
    deine Geschichten faszinieren mich immer wieder ! Übrigens: der im Beitrag genannte Name Manfrina findet sich auch in meiner Rauchfangkehrerforschung in Wien, Pressburg und Niederösterreich um 1700. Herkunftsort vermutlich Borgnone.
    Liebe Grüße
    Renate

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