Schwein gehabt

Die Geschichte des Wildschweinchens von Bordei

„Meine wahre Geschichte beginnt 1910. Damals wanderte eine Gruppe junger, arbeitsloser Leute aus Bordei nach Florenz aus, um dort eine Beschäftigung zu finden. Als sie durch die Stadt zogen, sahen sie auf der Piazza del Mercato einen Brunnen, dessen Wasser aus einem bronzenen Wildschwein floss. Da kam ihnen der Übername der Bewohner von Bordei in den Sinn: “ Ciügn“, was im Tessiner Dialekt „Schwein“ bedeutet, und sie dachten, es wäre schön, eine Kopie im eigenen Dorf aufzustellen.

Das Original der Skulptur wurde im Jahre 1630 vom berühmten Bildhauer Pietro Tacca geschaffen und ist heute in einem Saal der Galleria degli Uffizi in Florenz ausgestellt. Die jungen Tessiner beschlossen, die Kopie anzufertigen und diese ihrem Herkunftsdorf zu schenken. Francesco Maggini wurde beauftragt, mich in der berühmten Giesserei Gusmano Vignali in Florenz giessen zu lassen. Leider kann ich mich an die Namen der anderen Tessiner nicht mehr erinnern.

Als ich fertig war, holte mich Francesco in der Giesserei ab gegen Bezahlung der beträchtlichen Summe von 170 Lire. Er kehrte als erster nach Bordei zurück, um seine Familie zu besuchen. Er nahm mich mit und setzte mich zuoberst auf den Dorfbrunnen. Meine Aufgabe bestand darin, durch meine Schnauze durstige Wanderer mit frischem Wasser zu versorgen. Das tat ich denn auch – während rund 5O Jahren – solange nämlich, wie der Brunnen gut erhalten blieb. In den Sechzigerjahren nahm mich jemand von meinem Platz und brachte mich fort, um mich zu verkaufen.

Als Frau Albertina Ambrosi, die Tochter von Francesco Maggini, davon erfuhr, erinnerte sie sich an mich und an meine Geschichte. Sie war noch im Besitz der Quittung der Florentiner Giesserei und begab sich so auf die Suche nach mir und fand mich schliesslich.

Ich blieb danach viele Jahre lang bei Frau Albertina Ambrosi zu Hause und hatte gar nichts zu tun. Als  sie mich endgültig verliess, wurde ich von ihrer Tochter Ebe Titocci aufgenommen. Auch dort verweilte ich mehrere Jahre als untätiges Ausstellungsobjekt.

Als Frau Ebe Titocci von der Absicht der Stiftung Terra Vecchia erfuhr, den Brunnen in Bordei wieder aufzubauen, übergab sie mich Jürg Zbinden, dem Gründer und Direktor der Stiftung, damit er mich zurück an meinen alten Platz stelle. Ich erfülle nun wieder die Aufgabe, für die ich geschaffen worden bin. Mit meinem erfrischenden Wasser stille ich den Durst der Leute und bin Ihnen dankbar, wenn sie mich respektieren.“

Diese Geschichte wurde lm Auftrag von Frau Ebe Titoccl geschrieben, in Erinnerung an ihren Grossvater Francesco und an ihre Mutter Albertina.

Minusio, 31. Dezember 2005 – Unbekannter Autor der Gedenktafel

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