Verunsicherte Rustici-BesitzerInnen

Update vom 10.Novemer 2023:

Gemäss einem Artikel in der Tessinerzeitung vom 10. November 2023 werden die befürchteten neuen Vermietungs-Regeln des Kantons entschärft. Die Zeitung schreibt: „Privatvermieter von Ferienhäusern und -wohnungen im Tessin können aufatmen. Nachdem die jüngste Verschärfung der kantonalen Regeln für die Kurzzeitvermietung von Unterkünften zu touristischen Zwecken für grosse Besorgnis in der gesamten Tourismusbranche gesorgt hat, bessert der Kanton nun in einigen Punkten nach. Für das heikle Thema der Rustici ausserhalb der Bauzonen gibt es zumindest einen Aufschub.“ Die wichtigste Neuigkeit: Für die Vermietung einer Ferienunterkunft innerhalb der Bauzone zu touristischen Zwecken an mehr als 90 Tagen ist nun doch nicht – anders als zuletzt kommuniziert – zwingend eine Nutzungsänderung in “gewerbliche Aktivität” notwendig.“ Den ganzen Beitrag findest Du hier.

Seit der Annahme der Zweitwohnungsinitiative 2013 hat jede weitere Gesetzesrevision nur neue Unsicherheiten geschaffen. Sei dies mit Bauzonenverordnungen, kantonalen Regulierungen oder Anpassungen der Tourismus-Gesetze. Seit einiger Zeit ist die Diskussion im Tessin neu aufgeflammt. Wer darf sein Rustico noch länger als 90 Tage im Jahr vermieten oder wird man gezwungen, eine nicht genutzte Liegenschaft ganzjährig zu vermieten?

Dies hat nun sogar die Comune delle Centovalli am 5. September 2023 zu einem Raumplanungs-Rundschreiben „Pianificazione Territoriale“ veranlasst, welches allerdings eher weitere Fragen aufwirft und Ängste schürt. Der folgende Text ist eine maschinelle Übersetzung dieses Schreibens ins Deutsche – ohne Gewähr auf inhaltlich korrekte Übersetzung. Wenn Du der italienischen Sprache mächtig bist, konsultiere Sie bitte das Originaldokument:

„Am 11. März 2013 hat das Schweizer Volk die Revision des Bundesgesetzes über die Raumplanung angenommen. Raumplanung mit dem Ziel, „die Zersiedelung und den übermässigen Flächenverbrauch einzudämmen, um eine kompaktere Siedlungsentwicklung sicherzustellen sowie die Attraktivität der Schweiz als Wohn- und Arbeitsort zu erhalten“. Die Politik von Bund und Kantonen hat die Konzentration von Ressourcen an „strategischen Standorten, d.h. gut an den öffentlichen Verkehr angebunden, mit Dienstleistungen und Infrastrukturen für die Bevölkerung und die Wirtschaft ausgestattet, entlang Hauptverkehrsachsen und Zentren“. Dies bedeutet, dass trotz der schönen Worte zur Unterstützung der Randgebiete die Täler in der Praxis zunehmend aufgegeben werden.
Letztes Jahr hat der Bund die Änderung des Blattes R6 des kantonalen Richtplans, der als gesetzliche Grundlage für das Tessin dient, genehmigt und restriktiver korrigiert. Das Blatt befasst sich hauptsächlich mit der Frage der Bauzonen und deren Dimensionierung. Wie Sie vielleicht schon in den Medien gelesen oder gehört haben, wirft das Thema viele Fragen und Bedenken auf.
Die kommunalen Bauzonen müssen nach Entwicklungszielen mit einem 15-Jahres-Horizont festgelegt werden, die sich an der lokalen Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung orientieren. Leider nimmt die Bevölkerung im Centovalli ab (mehr Todesfälle als Geburten) und es gibt eine deutliche Überalterung. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um mit Sicherheit sagen zu können, welche Folgen dies auf der Planungsebene haben wird (es besteht noch große Ungewissheit über die Politik, die der Staatsrat auf den Vorschlag des Departements für Raumplanung hin verfolgen wird. Innerhalb von 1-2 Jahren ist das konkreteste Szenario eine mögliche Baublockade für alle noch freien Baugrundstücke (sie könnten als Reservezone aufgenommen oder sogar aus der Bauzone entfernt werden), da die Baumöglichkeiten des bereits Gebauten ausgenutzt werden sollen. Sollte dies der Fall sein, zusammen mit der teilweisen Möglichkeit der Umwandlung von Erstwohnungen in Zweitwohnungen (wir sind bereits bei 68% Zweitwohnungen!), werden wir mit weiteren Elementen konfrontiert sein, der dramatischen und sicheren Herausforderung einer zunehmenden Entvölkerungstendenz. Die Hauptursache ist das Bevölkerungswachstum. Die Gemeindeverwaltung möchte alle Grundstücks- und Immobilieneigentümer dazu bringen, eine verantwortungsvolle und unterstützende Haltung einzunehmen.
Wo immer es möglich und notwendig ist, sollten leerstehende Häuser an Menschen vermietet wer-den, die dort leben wollen, und Hauptwohnsitze sollten als solche erhalten bleiben, sodass Erstwohnsitze als solche erhalten bleiben. Natürlich sind wir uns bewusst, dass das Thema komplex ist, viele Gebäude sind alt und renovierungsbedürftig, die Finanzierung ist schwierig, es gibt einen Wettbewerb um Mieten und in den letzten Jahren wurde in der Region Locarno viel, vielleicht zu viel, gebaut (hohe Leerstandsquote). Für Eigentümer von unbebauten Grundstücken besteht das große Risiko darin, dass, wenn eine Baubewilligung nicht vorliegt und in den folgenden zwei Jahren gebaut wird (Dauer der der Genehmigung), ihr Land für Jahre, vielleicht Jahrzehnte, unbebaut bleibt, es sei denn, es gibt ein starkes demografisches Wachstum, das eine Neuausweisung von inzwischen „eingefrorenem“ Bauland ermöglicht.
Soweit uns bekannt ist, hat der Bundesgerichtshof bereits über ähnliche Fälle entschieden und hat in den meisten Fällen den Eigentümern keine Enteignungsentschädigung zugesprochen.
Die Demographie betrifft auch die Aufrechterhaltung von Schulen und anderen öffentlichen Dienstleistungen, den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, des öffentlichen Nahverkehrs, die Stabilität der Finanzen der Gemeinden usw. Eine solche negative Entwicklung führt zu einem Teufelskreis, in dem die Attraktivität des Centovalli als Wohngemeinde und die finanziellen Ressourcen des Centovalli sinken, als Wohngemeinde und als Finanz- und Wahlgemeinde mit der Folge, dass die Steuern und Abgaben für diejenigen steigen, die weiterhin in unserem herrlichen Tal leben werden.
Die heutige Gemeinde wird beim Kanton vorstellig werden, um die bestmöglichen Bedingungen auszuhandeln, damit noch die Möglichkeit besteht, zumindest teilweise neue Privathäuser zu bauen und bestehende zu erweitern, um neue Wohneinheiten zu schaffen; allerdings müssen die grössten Anstrengungen noch von den Eigentümern unternommen werden, die langfristig dafür sorgen müssen, dass die Erhaltung des Gemeinwohls auf lange Sicht über rein kurzfristige persönliche wirtschaftliche Interessen gestellt wird.


Eine gewisse Präzisierung, insbesondere zu den Neuerungen der Vermietungs-Regulierung, findet sich in diesem Beitrag der Tessiner-Zeitung vom 15. September 2023. *

Ich bin gespannt auf Deinen Kommentar zum Thema! Kannst Du mehr Licht in diese Fragen bringen? Bist Du in der einen oder anderen Art davon betroffen?

* Noch eine Anmerkung zur Tessiner-Zeitung: Ich verlinke vereinzelt Auszüge oder Artikel dieser Zeitung in meinem Blog. Doch die Tessiner-Zeitung ist für ihre aufwendigen Recherchen für die deutschsprachige Bevölkerung auf Abonnemente angewiesen…

The Unforgettable Place

Es war einmal ein junge Frau, die vor langer Zeit aus den Centovalli nach Amerika auswanderte. Für den Englischunterricht in einem „Girls College“ musste sie einen Aufsatz mit vielen Adjektiven schreiben. Sie erinnerte sich dabei an ihre Kindheit und Mädchenzeit und vermisste das elterliche Sommerhaus in Costa. Leider weiss ich nicht in welchem Costa des Centovalli sie lebte, denn ich fand den Aufsatz ohne weitere Angaben – wie ein Buchzeichen – in einem zerfledderten amerikanischen Roman im Buchantiquariat. Sie nannte den Aufsatz „An unforgettable place“:

„When I was a child from the age of 2 to 18, we had a summerhouse in the alps in Switzerland. My parents ended up selling it, but the memories will always be in my heart und I’m sure this place gave me the great respect for nature that I have.

The house is in a small village south of Switzerland, called Costa. It is a place in the middle of the hundred valleys and has a population of approximately 4. 

There is an old, gothic roman catholic church that always gives me goose bumps not because it is always very cool inside and smells spicy, sweet and heavy, but because it almost seems that you can feel God there. The church is more than 300 years old and you can tell it has seen a lot; on the outside there are old holy scriptures which are faded from the sun, time, and the weather. The church is built out of rocks, carefully one on top of the other. You could pull a string that connects the bells in the church tower to make them sound. When those bells are ringing, it sounds sad and happy – and probably a little bit uncanny. You get a feeling like time is standing still and you are not in 1900 but in 1800. The little cemetery next to the church is only 12 by 25 feet, and there are only 3 or 4 families buried there. Even though almost nobody lives there anymore, there are always flowers on the graves which shows the truthful respect for the ones who left.

Our house is standing on a hill at the end of the little village and is built out of rocks, like the church. It was once a goat stable that we rebuilt with an addition of a new part. The house looks always like it smiles and seems to be so passionate and strong, and impervious to bad weather. The charming wildflowers around the house flatter it, as if they help the house to be prouder than it already is.

In the middle of the yard is a birch tree whose trunk looks like the coat of a silver fox. This birch is always growing fast as if it wanted to be taller than the house, but we always pruned it because we couldn’t see the impressive view of the alps with all the different hues, trees and little villages scattered all over the land; however, the tree grew again like a weed.

It was summer and a clear sunny day, so I could hear sporadic noises from the other little villages far away somewhere in the mountains. There was a dog barking, either upset or excited about something. Later I heard the buzzing noise of a sawing machine cutting wood. Around 6 o’clock the church bells started to ring with a sweet melody one after the other in great harmony unison. The air was full of a fragrant smell from all the wildflowers and herbs.

I felt wonderful in my own little world where all the problems seemed to disappear, and what was left was this place full of innocence an unforgettable beauty.“

Sind diese Erinnerungen nicht wunderschön und wecken Emotionen?Wir würden die Frau gerne nochmals treffen um sie zu fragen, wie sie mit ihrem Heimweh später umgegangen ist. Ob sie vielleicht als Grossmutter auch heute noch ihren Enkeln von diesem idyllischen Flecken erzählt? Wer weiss, vielleicht liest sie diesen Blog und freut sich darüber?

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Wie die «Organizzazione turistica Lago Maggiore e Valli» das Centovalli links liegen lässt

Abseits von Moon and Stars, vom Filmfestival oder vom überlaufenen Verzascatal scheint sich die lokale Tourismusorganisation – abgesehen vom Eintreiben der Gebühren bei Feriengästen und Hausbesitzern – für wenig zu interessieren. Die wahren Edelsteine des Kantons, die Orte mit intakter Natur im Steinhausgebiet und die Ruhe der Täler ohne spektakuläre Attraktionen bringen halt auch kein Geld ein. Es scheint mir, die Touristiker würden mit ihrem grossen Geldtopf falsche Prioritäten setzen. Eine Beweihräucherung dessen, was ohnehin schon grossen Zulauf hat. Schon im Logo von „Ascona-Locarno“ wird sichtbar, welchen Stellenwert z.B. das Centovalli hat: gar keinen. Es wird zuunterst noch aufgeführt, weil es ein Transit-Tal nach Italien ist und über eine gewagte Bahnstrecke verfügt, wo die hochgelegen Dörfer – ohne Seilbahnen – nicht mehr erreicht werden können. Bus- oder Postautobetriebe wurden schon lange eingestellt, da aus der Bahn sowieso nur noch die wenigsten aussteigen, wo es doch kaum Restaurants und schon gar keine grossartigen Festivals gibt.

Die Hauptattraktionen des Tals sind – wie im letzten Blog-Beitrag beschrieben – die Krane oder auch die grünen Plastikplanen auf den zerfallenden Steindächern. Baustellen, die nie beendet werden, Schrott und Gerümpelplätze; halt das Outback von Locarno-Ascona.

Ein Bekannter von mir hat sich diesbezüglich bereits vor Jahren einmal appellativ an die „Organizzazione turistica Lago Maggiore e Valli“ gewandt. Die Antwort war ernüchternd. Jede Verantwortung der Organisation für das Zulassen des Zerfalls dieser Gebiete wurde den Gemeinden zugewiesen. Insbesondere wurde für das Centovalli das Projekt „Masterplan“ der Comune erwähnt, welcher selbst von Behördenmitgliedern als Hirngespinst abgetan wird. Interessanterweise hat sich die Tourismus-Organisation zu Blog-Beitrag „Im Tal der Kran-iche“ praktisch mit demselben Text bei mir gemeldet. Es ist das alte Lied: Es gibt kein Geld, man will zwar das Geld der Touristen, aber sonst bitte gar nichts. Und für die Natur interessiert sich die Tessiner Bevölkerung sowieso nicht. Das langjährig aufgebaute Projekt „Nationalpark Locarnese„, das sogar Geld vom Bund eingebracht hätte, wurde an der Wahlurne deutlich abgelehnt. Der absolute Höhepunkt ist nun, dass die Tessiner-Politik Entschädigungen von der SBB fordert, da infolge des Tunnel-Unglücks auf der Gotthardstrecke weniger Tages-Touristen Geld an die Hotspots bringen.

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Im Tal der Kran-iche

Wer kennt sie nicht, die Fotografien von Verdasio, Lionza oder Terra Vecchia, die von einem rostig-gelben oder roten Kran verunstaltet werden. Dies nicht etwa wie in einer Stadt, wo die Krane nach Ende der Bauzeit wieder verschwinden. Nein, im Centovalli dürfen diese hässlichen Gerippe jahrzehntelang, wenn nicht gar bis zu ihrem Verfall ungeachtet aller baulichen Vorschriften verbleiben. Ein Romanstoff für Franz Kafka.

© I. Meyr

Mit dem Wahrzeichen von Lionza möchte ich exemplarisch die Vetternwirtschaft im Tal aufzeigen. Der Besitzer des Krans, Herr Frascatelli*, der sich resistent gegen alle Auflagen von Kanton und Gemeinde zeigt, ist gleichzeitig Mitglied des Gemeinderates der Comune delle Centovalli und Mitglied der „Commissione edilizia ed opere pubbliche“ (Kommission für Bauwesen und öffentliche Arbeiten). Die Namen mit * wurden aus Personenschutzgründen geändert, sind mir aber bekannt.

© I. Meyr

Chronologie der Leidensgeschichte des Krans auf Parzelle 635

2011
Ein Kran wird zur Instandsetzung eines Rusticos in Lionza aufgestellt. Diese Bauarbeiten werden 2012 fertiggestellt.
23. Oktober 2014
Ein Ferienhausbesitzer aus Lionza, Prof. em. Dr. sc. techn. Müller*, der sich am stillstehenden Kran stört, wendet sich an die Comune delle Centovalli, da seit 1 ½ Jahren keine Bautätigkeit mehr besteht.
2. März 2016
Der engagierte Herr Müller* stellt nun dem Ufficio delle domande costruzione in Bellinzona eine offizielle Anfrage, ob eine Bewilligung für den Kran bzw. eine weitere Baubewilligung vorliegt. Er erkundigt sich ausserdem, ob und warum die Baubewilligung laufend verlängert würde.
1. April 2016
Das Ufficio delle domande costruzione in Bellinzona schreibt der Comune delle Centovalli, dass kein Antrag vorliege und verlangt weitere Information von der Gemeinde.
27. April 2016
Schreiben der Comune delle Centovalli an das Ufficio delle domande costruzione,
Bellinzona, der Besitzer des Krans sei aufgefordert worden, den Kran zu entfernen
Es gebe keine offene Baustelle.
07. Juni 2016
Schreiben von Herr Müller* an Ufficio delle domande costruzione in Bellinzona mit der Bitte um Unterstützung, da die Comune delle Centovalli die Einhaltung der Vorschriften nicht durchsetzen kann oder will.
22. Juni 2016
Schreiben der Comune delle Centovalli an das Gemeinderatsmitglied, bzw. den Besitzer des Krans, Herrn Frascatelli*: Es wird eine Genehmigung für den Kran für ein weiteres Jahr bis Ende Juni 2017 erteilt, da mit den Arbeiten zur Reparatur von 3 Steindächern begonnen wurde.
22. Juli 2016
Das Ufficio delle domande costruzione in Bellinzona wird von Herrn Müller* über dieses Schreiben informiert.
16. August 2016
Herr Müller* schreibt der Comune delle Centovalli und fordert das entsprechende
Baugesuchs bzw. die Baubewilligung an.
5. September 2016
Schreiben der Comune delle Centovalli an Herrn Müller* und Übermittlung der Baugenehmigung vom 25. September 2013, Konsolidierung und Austausch der Dacheindeckung Mapp. 633-634-635 RFD
4. Oktober 2016
Schreiben Herrn Müller* an die Comune delle Centovalli, dass seit 2013 keine Bautätigkeit mehr bestehe.
2016 und 2017 werden in der Folge weitere Briefe, E-Mails und Telefonate mit Hinweisen, zur fehlenden Bautätigkeit gemacht. Antworten der Gemeinde erfolgen nichtssagend und erst nach mehrmaligem Nachhaken.
Oktober 2017
Aussprache bei der Comune delle Centovalli wg. Abbau des Krans: Es treffen sich der segretario comunale der Gemeinde Centovalli mit dem Gemeinderatsmitglied Herrn Frascatelli* und Herrn Müller*.
Herr Frascatelli* äussert aufgebracht, wieso der Kran überhaupt stören würde. (Die Umgebung des Hauses von Herrn Frascatelli* macht diese Frage verständlich.) Der segretario comunale, sagt dazu nichts, macht aber den Vorschlag, Herr Müller* solle sich an den Kosten der Kran-Demontage beteiligen.
4. Oktober 2019
Weiteres Schreiben von Herrn Müller* an die Comune delle Centovalli.
Anforderung einer Stellungnahme der Gemeinde wg. Stillstand auf der Baustelle.
8. Januar 2020
Weiteres Schreiben von Herrn Müller* an die Comune delle Centovalli
Anforderung eines Berichts des ufficio tecnico zum Stand der Bautätigkeit.
Frühjahr 2020
Herr Müller* erhält eine Kopie des Briefes der Comune delle Centovalli vom 14. Januar 2020 an ihr Gemeinderatsmitglied Herrn Frascatelli* mit der Stellungnahme des ufficio tecnico: „Lo scorso 12 dicembre, l’Ufficio tecnico ha esperito un sopralluogo e, confrontando le foto del 2013 e del 2017 con l’attuale situazione, non appare che il cantiere sia avanzato in modo normale, ma sia sostanzialmente fermo.“
Zu deutsch: „Am 12. Dezember letzten Jahres hat die technische Abteilung eine Inspektion durchgeführt, und wenn man die Fotos von 2013 und 2017 mit der aktuellen Situation vergleicht, zeigt sich, dass die Baustelle nicht normal fortgeschritten ist, sondern im Grunde zum Stillstand gekommen ist.“
28. Mai 2020
Schreiben von Herrn Müller* an die Comune delle Centovalli mit Bezug auf das o.g. Schreiben vom 14.Januar 2020. Erneute Aufforderung an die Gemeinde, den Kran endlich entfernen zu lassen.
08. Juni 2020
Beschluss der Comune delle Centovalli: Herr Frascatelli* muss den Kran bis 30. September 2020 entfernen, da keine Bautätigkeit stattfindet. Einen Tag vor Ablauf der Einspruchsfrist legt Herr Frascatelli* Einspruch gegen den Beschluss beim Consiglio di Stato ein.
20. April 2021
Schreiben des Consiglio di Stato an Herrn Müller* mit der Bitte um Stellungnahme in der Kran-Sache. Ein weiterer Ferienhausbesitzer in Lionza erhält ebenfalls die Gelegenheit zur Stellungnahme. Der Anwalt von Herrn Frascatelli* erhebt dagegen Einspruch, dieser wird aber ignoriert.
18. August 2021
Der Consiglio di Stato hebt den Beschluss der Comune delle Centovalli vom
8. Juni 2020 zur Entfernung des Krans auf, verbunden mit der Aufforderung eine neue
Entscheidung zu treffen.
Auszug aus der Begründung des Consiglio di Stato (maschinell zu Deutsch übersetzt):
3.1. In diesem konkreten Fall hätte die Gemeinde, da die Baustelle nicht nach einem normalen Zeitplan abläuft, wie oben beschrieben, anstatt die Entfernung des Krans anzuordnen, ohne den die geplanten Arbeiten erschwert oder sogar behindert würden – was die beanstandete Maßnahme in gewisser Hinsicht unlogisch macht -, Die Kommission hätte dagegen gemäß der oben genannten Bestimmung des Artikels 24 RLE vorgehen müssen, indem sie die Klägerin aufforderte, die Arbeiten innerhalb einer angemessenen Frist abzuschließen, die unter den Umständen des vorliegenden Falles nur relativ kurz sein kann, wenn man bedenkt, wie viel Zeit ohne den Abschluss der begonnenen Arbeiten verstrichen ist. Dies ist eine Ermessensfrage, die dieser Rat nicht ersetzen kann.
Entgegen der Behauptung der Stadtverwaltung ist es aus offensichtlichen Gründen des Anstands und der Sicherheit in keiner Weise zu rechtfertigen, dass Baustellen je nach Belieben der Antragsteller oder der Baufirma unbegrenzt geöffnet bleiben, schon gar nicht in einem im ISOS-Inventar aufgeführten Berggebiet, ungeachtet der anhaltenden Verunstaltung der Landschaft durch den fraglichen Kran.
12. Oktober 2021
Neuer Beschluss der Comune delle Centovalli:
Herr Frascatelli* muss die Arbeiten bis 1. März 2022 aufnehmen und bis 31. Oktober 2023
abschliessen, sogar mit Androhung von Strafe nach Art. 292 CPS
Januar 2023
Nachdem seit dem neuen Beschluss der Gemeinde auf der Baustelle wieder nichts passiert ist, hat sich Herr Müller* entschlossen einen Anwalt einzuschalten und mit Avv. Fabio Abate einen prominenten Anwalt mit dem Mandat beauftragt. Er ist politisch gut vernetzt und kennt die Mauscheleien der hiesigen Politiker.
15. Juni 2023
Schreiben der Comune delle Centovalli an Avv. Fabio Abate:
„In Anbetracht der Tatsache, dass Herr Frascatelli* uns versichert hat, dass die Arbeiten fortgesetzt werden und der Kran somit Teil der Baustelleneinrichtung ist, sieht die Exekutive derzeit keinen Grund, in naher Zukunft einzugreifen, wie Sie es gefordert haben.“
Avv. Abato wird nun eine juristische Beschwerde an die Aufsichtsbehörde vorbereiten. (Aufsichtsbeschwerden sind immer sehr wirkungsvoll!)

Es ist offensichtlich: das Centovalli liegt nahe zu Italien, wo Korruption und Vetternwirtschaft eine naturgegebene Selbstverständlichkeit sind. Aber dass sich dieses Behördenspiel nun mittlerweile über sieben Jahre hinzieht, wäre wohl auch für italienische Verhältnisse ein Skandal. Il Cavaliere grüsst aus seiner Katakombe…

Die Frage stellt sich nun auch für den Kran in Verdasio, wo zwar mal die Kirche und mal ein anderes Bauprojekt ansteht. Aber dass derselbe Kran ein Dorf während mehr als einem Jahrzehnt verunstalten darf, ist eher unschweizerisch und abstossend für ein Gebiet, welches eine touristische Anziehungskraft ausüben möchte.

Beim Kran in Terra Vecchia ist die Situation etwas anders. Hier wurde immerhin ein ganzes Ruinendorf wieder aufgebaut. Was für eine grossartige Leistung für das Tal, aber auch für die Menschen, welche in diesem Rehabilitationsprogramm mitarbeiteten. Trotzdem wäre es nun an der Zeit, das rostige Wahrzeichen abzubauen. Jürg Zbinden der frühere Leiter der Stiftung hat mir dies bereits einmal zugesichert.

Über alles bewundernswert ist der Windmühlenkampf des Prof. em. Dr. sc. techn. Müller*, der sich mit seiner Hartnäckigkeit für das Tal und das Dorf Lionza verdient gemacht hat. Ich werde diesen Beitrag auch den regionalen Zeitungen und der „Organizzazione turistica Lago Maggiore e valli“ zukommen lassen, in der Hoffnung, für die kafkaeske Geschichte eine grössere Resonanz und Schützenhilfe zu erhalten. Ich werde euch auf dem Laufenden halten! Aber bitte: Schreibt eure Meinung in die Kommentare! Gefallen euch diese Krane oder bevorzugt ihr die ursprüngliche Schönheit und Natur des Tals?

Übrigens: Borgnone, das vor der Eingemeindung in die Comune delle Centovalli eine eigenständige Gemeinde mit den Weilern Costa und Lionza war, ist bereits früher für seine Misswirtschaft und intransparente Behördenführung aufgefallen. Vor 15 Jahren wurde allen Hauseigentümern von Costa Borgnone, die nicht an die Kanalisation angeschlossen waren, ein Projekt zur Vervollständigung der Kanalisation vorgeschlagen. Jeder dieser Hauseigentümer musste dazu eine Anschlussgebühr von mehr als tausend Franken bezahlen – mit der Androhung, dass die Gebühr bei Nichtbezahlung über das Grundbuchamt geltend gemacht würde. Realisiert wurde bis heute natürlich nichts von der geplanten Kanalisation. Aber Borgnone wollte jährliche Kanalisationsgebühren eintreiben. Erst als wir drohten, im Gegenzug die Rechnungen für die Leerung des Pozzos, der Sickergrube, der Gemeinde zu schicken, verzichteten sie darauf. Als der Gemeindezusammenschluss im Centovalli erfolgte, waren alle Unterlagen des Projekts verschwunden. Ich habe diese Pläne noch!

Das Centovalli Brautgeschenk

Heiss ist es geworden, schon im Juni dieses Jahr. Du möchtest auf einer Blumenwiese liegen, bis spätnachts, um die Johanniskäfer leuchten zu sehen und Dich anderntags in der eiskalten Melezza erfrischen. Dazwischen driftest Du weg in Deine Tagträume und bist auf dem besten Weg ein richtiger Traumonaut zu werden. Einer, der diese Fantasien schon vor zwanzig Jahren durchlebt und in Buchform gegossen hat ist Kurt Hutterli. Sein fiebrig lustvolles Welttheater mit seiner Erfindung einer Wirklichkeit durch die Zeiten ist eine teuflische Geschichtsschreibung, die Menschen und Sagen wieder auferstehen lässt.

Ein Roman, der durch Klopfdiktate des Schriftstellers und Politikers Victor Hugo und mit Aufzeichnungen des anonymen Geheimagenten I. die Bewegungen und Erregungen um Louis Napoleon III wieder aufleben lässt. Ein bisschen Geschichtskenntnis ist dazu schon erforderlich, aber die hat Kurt Hutterli, als Nachfahre eben dieses Kaisers, der im 19. Jahrhundert auf Schloss Arenenberg residierte.

Die Protagonisten des komplexen Gewebes durch Geschichte, Geschichten und Mythen sind der in Intragna wohnhafte Gymnasiallehrer Luigi Turri und der Jesuitenpater Pietro Angeloni. Im Dirinei-Tunnel nehmen die beiden ganz seltsame, wundersame und unheimliche Geräusche wahr. Ob die Gesänge und das Getrommel wohl aus der insubrischen Linie stammen? Gemeinsam mit dem wieder auferstandenen japanischen Dichter Prof. Ueda Akinari lüften sie einen Teil der Geheimnisse um die Madonna von Re und werden dort in die Welt der verhexten Francesca di Re(-ventlow) entführt.

Wie der Bergbach rauscht!
Selbst die Steine singen jetzt:
„Kirschbäume blühen!“
Onitsura

Mit ausschweifenden Erotika aus dem indianischen Raum und frivolen Schilderungen aus dem napoleonischen Boudoir ist das Buch nicht ganz jugendfrei. Da es sich mit den historischen Begebenheiten recht anspruchsvoll liest, besteht aber kaum Gefahr, dass es in falsche Hände gelangt. Berichtet wird auch von handgeschriebenen Seiten, die im Beichtstuhl der Kirche von Corcapolo auftauchten, welche den verkommenen Klerus in den Tessiner Bergtälern anprangerten, vom Erzbischof San Carlo Borromeo höchst persönlich verfasst. Überhaupt wird an dunklen Geschichten in diesem vielschichtigen Werk nicht gespart, wie z.B. 1758 der erste Probst von Intragna, Don Paolo Giuseppe Bustelli mit einer Axt erschlagen wurde und die Hand des Mörders danach den Eingang des Pfarrhauses zierte. Erst (Goethes?) Hexe Faustina enthüllt schlussendlich am Karneval von Intragna im inquisitorischen Verhör mit Dottore Balanzoni-Lombardi das wahre Geheimnis des Centovalli Brautgeschenks.

Durch den ganzen Roman zieht sich auch eine Liebesgeschichte über die Zeiten hinweg. Mit dem Augenzwinkern des Weihnachtsgeschenks von zwei Badehosen aus einer Soutane geschneidert oder dem sprechenden Diwan von Tante Graziella ist für jede Leserin und jeden Leser etwas dabei. Trotzdem war das Frauenbild des Kurt Hutterli bei all den beschriebenen kleinen Obszönitäten bereits vor 20 Jahren recht emanzipiert. Auf einem gefalteten Papier erfährt Herr Turri vom Zwillingsbruder des Agenten I. den Kern seiner Gedanken: „Im Traum erscheint uns die Kehrseite der Dinge oder ihre Tiefe; man sieht die Dinge von innen, die Perspektive ist eine andere. Was sonst sollte man glauben, wenn nicht das, was die Träume sagen? Sie sprechen die Sprache unserer geheimsten Gedanken. Es heisst, im Traum sei man nicht bei Bewusstsein, aber das ist bloss eine Redensart. Nur im Traum ist man bewusst und hellsichtig.“ Vielleicht wird genau das Klarträumen genannt? …

Kurt Hutterlis Hommage an das Centovalli möchte ich mit diesem Beitrag endlich auch eine Hommage an Kurt Hutterli persönlich hinzufügen, dessen Liebe zum Centovalli sich bis heute in seinem Blog „Von Tal zu Tal“ aus dem kanadischen Okanagan Valley in vielen Beiträgen zeigt.

Das „Centovalli Brautgeschenk“ ist im Verlag Waldgut, ISBN 3 7294 0331 1 erhältlich. Wenn Dir jetzt schon im Liegestuhl oder in der Hängematte unter einem Schatten spendenden Baum der Lesestoff ausgegangen ist, wende Dich doch übers Internet an https://buchland.ch , um vielleicht ein letztes Exemplar des Centovalli-Universums zu ergattern.

P.S. Übrigens hat meine Familie selbst einen Bezug in die napoleonische Ära. Es sind „Musik-Stühle“ die aus dem Hause Zellweger in Trogen stammen sollen. Landamman Jakob Zellweger pflegte eine Freundschaft mit Hortense de Beauharnais, der Mutter von Napoleon III, die auf Schloss Arenenberg im Exil lebte. Sie besuchte ihn mehrmals in Trogen und schätzte seine Gesellschaft und seinen Rat. Im Juli 1816 gab er für Madame la Duchesse de St. Leu, Hortense de Beauharnais, die Ex-Königin Hollands und Stieftochter von Napoleon Bonaparte, in seinem Haus ein Diner. Soweit die Erzählung…
Ich versuchte das halbe Dutzend Stühle dem Museum Schloss Arenenberg zu schenken, stiess aber leider auf kein Gehör. Die schönen Möbelstücke wurden in den weiteren Jahren vom Nachwuchs unserer Familie zugrunde geritten. Über ihren heutigen Zustand kann ich nichts mehr berichten.