Interessantes aus dem Kaminfegertal

Wusstest Du, dass die Centovalli auf alten Karten als Kaminfegertal bezeichnet waren? Dass das Tal noch vor 20’000 Jahren bis auf 2000 m Höhe im Eis verborgen lag? Was die Tessiner Fahne mit Paris zu tun hat oder wieso es im Tessin keine Kirchtürme gibt? Dass Intragna  der Name «Zwischen den Flüssen» gegeben wurde und Dreh- und Angelpunkt des europäischen Handels mit Kaminfeger-Kindern war oder woher eigentlich der Name des Gotthard-Passes stammt? Wenn Du auf unterhaltsame Weise in die Geschichte der Centovalli eintauchen möchtest, kannst Du dies und noch viel, viel mehr von Stefano Früh, Lokalhistoriker und Turmwart, erfahren.

Gebannt habe ich mit einer kleinen Gruppe während zweieinhalb Stunden seinen Ausführungen zu den Entwicklungen im Tal gelauscht. Trauriges aus dem Leben der ärmsten Bevölkerungsschicht der Region erfahren und spannende Geschichten über die Spazzacamini gehört – und noch mehr im Buch von Elisabeth Wenger «Als lebender Besen im Kamin» gelesen: ISBN 978-3-8334-7170-4

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Auf dem Dorfplatz von Intragna, im «Museo centovalli e pedemonte» und in schwindeleregender Höhe auf dem höchsten Glockenturm des Tessins kannst Du das Erlebnis jeden Mittwoch ab 10. 30 Uhr für CHF 15 pro erwachsene Person teilen. Anmeldung erforderlich, Tickets unter: https://www.centorustici.ch/tours

Wie die Gnocchi auf den Monte Comino kamen

Gastronomie war nie nur Honig schlecken. Seit das Virus die halbe Welt lahmgelegt hat, braucht es von den Menschen, die sich diesem Beruf oder dieser Berufung verschrieben haben, einen noch längeren Atem. Die Schockwelle reichte bei sonnigem Oster- und Pfingstwetter auch in die Centovalli. «Bleibt zuhause» wurde den Deutschschweizern gedroht. Die Besitzer der schönen Grotti, Osterias und Ristorantes mussten Daumen drehen und über die Sparbücher gehen. Auch das Berghaus «Alla Capanna» auf dem Monte Comino blieb davon nicht verschont.

Heute, ein paar Monate später, zeigen Barbara Fot und Peter Heidelberger wieder fröhlichere Gesichter. Der Betrieb mit exzellenter Spezialitäten-Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeit läuft auf Hochtouren. Das Personal arbeitet an der Belastungsgrenze. Bei der Befolgung der Corona-Regeln zeigt sich sehr unterschiedliches Verhalten der Gäste. „Manche sind vorsichtig und verständnisvoll betreffend den Einschränkungen (Distanz etc.), andere müssen immer wieder darauf aufmerksam gemacht werden, dass man nicht alles anfassen soll und die Distanzregeln eingehalten werden müssen. Im Grossen und Ganzen klappe es aber gut,“ meinen die Wirtsleute.

Dass sie die finanziellen Einbussen aufholen können, glauben sie eher nicht, da April und Mai ohne Umsatz waren und auch heute aufgrund der Abstandsregeln nicht alle Betten vermietet werden können. Zum Glück hat die Versicherung geholfen, zumindest einen Teil des Umsatzverlustes aufzufangen. Sollte es jedoch noch einmal zu einer Zwangsschliessung kommen, würden die Versicherungsleistungen aufgrund neuer Vertragsbestimmungen ausbleiben.

Barbara Fot und Peter Heidelberger – Gastgeber auf dem Monte Comino

Höhepunkte sind für Barbara und Peter, wenn die Terrasse über Mittag voll war und sie am Abend zufrieden sagen können, dass sie den Ansprüchen ihrer Gäste wie den eigenen Ansprüchen gerecht geworden sind. Sie sind dabei zuversichtlich und meinen: „Das Konzept der Alla Capanna hat sich bewährt und kommt bei den Gästen gut an. Manchmal müssen wir jedoch über die Bücher gehen und herausfinden, was wir verbessern können. Das macht die Arbeit letztlich auch interessant.“

Peter Heidelberger kreiert seine typische Tessiner Küche mit zusätzlichen kulinarischen Ausflügen. Er erzählt mir: „Die Begeisterung für das Kochen habe ich schon früh von meiner Mutter bekommen und habe diese auch privat und in einem Kochclub viele Jahre ausgelebt und Neues dazugelernt. In diversen Kursen und Weiterbildungen habe ich mir viel von Köchen abgeschaut und Unterstützung von Profis erhalten. Unsere Luganighe nach eigenem Rezept herzustellen, macht einfach Freude und ist Teil unseres Konzepts.“ Auf meine Frage, wie die Gnocchi denn auf den Monte Comino kamen, meint er: „Ganz einfach, ich koche was ich selber gerne habe und auch früher schon oft für private Gäste gekocht habe.“

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Und was machen die Beiden im Winter? Mitte November bis Mitte März, stehen hauptsächlich administrative Arbeiten (Buchhaltung, Rezepturen nachführen, Homepage anpassen etc.) an und werden neue Gerichte probegekocht. „Ferien mit Wellness ist jedoch immer das erste Ziel Ende November“, meint Barbara Fot. „Falls es möglich ist, gehen wir dann wandern, auf Schneeschuhtouren und natürlich unsere Familien, Freunde und Bekannte besuchen.“

„Die Energie bleibt uns hoffentlich noch eine Weile erhalten, wir haben immer wieder neue Ideen und Pläne, die wir umsetzen möchten, sei es nun im Bereich der Unterkunft, der Küche oder in der Gestaltung unser Alla Capanna. Hier kommt uns zugute, dass wir uns sehr gut ergänzen und jeder in seinem Bereich Ideen entwickeln kann.“

Da bleibt mir nur noch, Dich aufzufordern, das fröhliche Gasthaus auf dem Monte Comino bald zu besuchen. Während der Hauptsaison empfiehlt sich eine Reservation, auch wenn meist noch ein Plätzchen gefunden werden kann. Für zusätzliche Informationen kannst Du die hauseigene Website besuchen: https://www.montecomino.ch/
Das kulinarische Erlebnis lässt sich wunderbar mit kleinen und grösseren Wanderungen rund um den Monte Comino kombinieren. Die nahe gelegene Kirche der Madonna della Segna aus dem 15. Jahrhundert lohnt einen Besuch. Und auch die Kleinen kommen bei einem Abstecher zum Lama-Trekking nicht zu kurz.

info@montecomino.ch
Tel. +41 (0)91 798 18 04
Mobil +41 78 690 49 74

Gedichte für Sommerträume

Sie sind nicht jedermanns Sache. Nicht die unverrückbare Form des Satzes, der als ganzes geschluckt werden muss. Nur filigranes Gerüst um Gedanken zu weben. Spinnweben, federleicht, vergessen oder entrückt. Du liegst unter dem centovallinen Himmel und fantasierst im Echo von Pflaumengestirn und Hasenpfeffer:

Spinnweben…
im Sommer

Blau

Fünf mattblaue Pflaumen,
hat mir der Siebenschläfer übrig gelassen.
Zwei hängen vor dürrem Gras,
zwei vor Birkenlaub,
ein hängt vor dem Himmel.
Eine esse ich,
eine schaue ich an.
Zuerst hängt sie vor dem Himmel,
dann daran,
dann darin:
Pflaumengestirn,
pflaumenblau im Himmelblau.
Ich werde dem Siebenschläfer
eine mattblaue Pflaume übrig lassen.

Kurt Hutterli’s Gedichtband „Pflaumengestirn und Hasenpfeffer“ erschien kürzlich im Münster Verlag Basel. ISBN 978-3-907146-68-2

Seine Seele baumelt zwischen Centovalli und Okanagan Valley, wo er heute seine Erlebnisse im Blog „Von Tal zu Tal“ erzählt. Auch die Tessinerzeitung nahm die Gedichtsammlung 1968-2019 zum Anlass einer lesenswerten Reminiszenz. Der multimediale Künstler überrascht zurzeit mit seinen Chagall Collagen bei den „RipOff Artists„. Und wenn es wieder Bindfäden regnet und die Spinnweben wegschwemmt, begleitet mich sein schönes Gedicht:

Sommernachtsregen

Mein schwarzer Regenschirm,
zusammengefaltet
an einen Balken des Vordachs
gehängt,
tropft:
eine verregnete Fledermaus.

Landebahnen für Ausserirdische?

Am Ende der Centovalli, im Wald von Moneto, nahe der Grenze zu Italien bei Monadello tut sich seit langem Seltsames. Im Frühjahr 2018 entstand der erste Einschnitt im Wald. Wochenlanges Aufschreien der Kettensägen und Knirschen der improvisierten Drahtseilbahn, um das geschnittene Holz auf die Strasse zu transportieren, weckten nicht nur neugierige, sondern auch verärgerte Blicke von der gegenüberliegenden Talseite. Was wurde hier angelegt? Ein Skilift für die nächste Eiszeit, eine neue Wasserleitung, ein Mountainbike Trail oder gar eine Landebahn für Ausserirdische?

Kratzspuren der Krallen Godzillas?

Im Frühjahr 2019 ging es weiter, nicht unmittelbar an den ersten Einschnitt anschliessend, sondern etwas versetzt. Wieder monatelang derselbe Lärm, dieselbe Verschandelung des Waldes. Und 2020 die dritte Tranche. Niemand, den ich kenne, konnte das Rätsel lösen, bis ich über drei Ecken auf einen Artikel von „La Regione“ stiess.

Dort wird Giovanni Galli, Leiter des Forstamtes des 80. Bezirks zitiert: „Die Schutzwälder im Tessin werden in zwei Arten unterteilt: die des direkten Schutzes, die bewohnte Gebiete und Strassen vor Naturgefahren schützen (in denen subventionierte waldbauliche Eingriffe in der Regel von öffentlichen Stellen oder vom Staat durchgeführt werden) und die des indirekten Schutzes, in denen Waldunternehmer mit unserem Einverständnis zu Trägern von Holzverwertungsprojekten werden können. Im Falle der Alta Centovalli handelt es sich genau genommen um ein Schnittprojekt „deficitario“, welches von einem privaten Auftragnehmer durchgeführt wird.“

An diesen Schnee- und Erdrutsch gefährdeten Hängen befürchte ich allerdings, dass später wieder ein Projekt zum Schutz vor Naturgefahren gemacht werden muss…

Herr Galli wird weiter zitiert: „Einerseits begünstigen die Schnitte – indem sie dem Licht erlauben, den Boden zu erreichen – das Wachstum der Kleintiere und verbessern die Qualität des Unterholzes, indem sie es ökologisch reicher (auch für die Fauna), interessant und besser strukturiert machen; andererseits stimulieren sie die Holzwirtschaft (denken Sie zum Beispiel an den Bedarf der Wärmekraftwerke in der Region), indem sie die Ausbeutung einer lokalen Ressource in Reichweite begünstigen und vielleicht Importe aus dem Ausland vermeiden. … Aus ökologischer Sicht und aus Sicht der Artenvielfalt schaffen diese Einschnitte eine neue Dynamik, ermöglichen es dem Wald, sich zu erneuern und andere Waldessenzen anzusiedeln. Im Vergleich zu reinem Buchenholz, mit einem „sauberen“, aber extrem armen Unterholz, wird sich in den nächsten Jahren ein reicherer und stabilerer Wald entwickeln, der der Natur zugute kommt.“

Ich persönlich stehe diesem Projekt eher skeptisch gegenüber. Der Nutzen dürfte vor allem den Waldbesitzern zugute kommen. Was leider nicht vorgesehen wurde: Eine experimentelle Wiederaufforstung mit neuen Baumarten, welche sich bei der – im Tessin besonders spürbaren – Klimaveränderung als resistent erweisen könnten. Bei den vermehrt auftretenden Waldbränden würden sich gezielt eingesetzte Schneisen sicher von Vorteil erweisen. Diese müssten aber direkt um die bewohnten Gebiete angelegt werden.

Was meinst Du? Schreib doch einen Kommentar (auf den Beitragstitel klicken, damit die Kommentarfunktion sichtbar wird).

Ideen für DEN Palazz

Am 18. Juni lud die Fondazione Casa Tondü di Lionza zur Video-Pressekonferenz: Der Palazzo Tondü an einem entscheidenden Wendepunkt – Il restauro di palazzo Tondü ad una svolta decisiva. Ein ambitionierter Ideen-Wettbewerb soll die Zukunft der alten Gemäuer sichern. Das Communiqué im originalen Wortlaut (oder in italienischer Sprache):

Die imposante weisse Silhouette eines stattlichen Gebäudes dominiert die Kirche des Dorfes Lionza im oberen Centovalli, auf 775m Höhe und 20 km von Locarno entfernt, gegenüber den schroffen Gipfeln des Ghiridone. Es handelt sich um den Palazzo Tondü, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von einer in das Herzogtum Parma emigrierten einheimischen Familie erbaut wurde und später in das Eigentum der Grundbesitzer des Dorfes überging, die ihn über zweihundert Jahre lang verwalteten. Der Palazz, so der heutige Name, den die Bewohner der Region verwenden, hat die Jahrhunderte ohne nennenswerte Eingriffe überstanden, ohne dass sich sein Ursprungszustand verändert hätte: Dieses aussergewöhnliche Zeugnis der Tessiner Auswanderung nach Italien ist daher logischerweise Teil der auf kantonaler Ebene geschützten historischen Denkmäler. Die Gestaltung des Bauwerks, das aus drei miteinander verbundenen Gebäuden besteht und sein architektonischer Wert verleihen ihm einen einzigartigen Charme. Die Stiftung Casa Tondü in Lionza, derzeitige Eigentümerin des Palazzo, möchte ihm seinen früheren Glanz zurückgeben, indem sie einen Ideenwettbewerb ausschreibt, bei welchem seine zukünftige Funktion und Verwaltung definiert werden soll. Abgesehen von den offensichtlichen patrimonialen und historischen Gründen, die die Stiftung dazu veranlasst haben, Projekte ermitteln zu wollen, gibt es auch Gründe, die mit der sozioökonomischen Entwicklung des Centovalli zusammenhängen. Unterstützt wird sie zudem von verschiedenen kantonalen Stellen und der Gemeinde Centovalli. Unabhängig von der genauen Bestimmung der Struktur, die der Wettbewerb ermitteln will, könnte die Renovierung des Gebäudes ein Pluspunkt im touristischen Gesamtangebot der Region sein, in der Projekte dieser Grösse fehlen. Die Phasen der Restaurierung und die Vorbereitung des Palazz auf seine neue Rolle werden von der Stiftung verfolgt und gestützt und vom öffentlichen Sektor unterstützt. Der Wettbewerb soll Vorschläge von jedermann sammeln, der bereit ist, sich auf ein anregendes Abenteuer einzulassen, das die Nutzung eines historischen Gebäudes und die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Stiftung verspricht. Diese garantiert die besten Nutzungsbedingungen.

Der Wettbewerb findet vom 18. Juni bis zum 30. November 2020 statt und ist mit 20’000 Franken dotiert, um dem siegreichen Teilnehmer die Möglichkeit zu geben, seine Vorstellungen der Bestimmung und Verwaltung des Palazzo Tondü zu vertiefen. Die Ausschreibung des Wettbewerbs kann auf der Seite www.palazzotondu.ch heruntergeladen werden, wo man alle nötigen Informationen für die Teilnahme findet. Während des Sommers werden denjenigen die dies wünschen, verschiedene Besuchsmöglichkeiten angeboten. Für weitere Informationen per E-Mail an: fondazione@palazzotondu.ch Die offizielle, bebilderte Präsentation ist hier zu sehen.

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Nach dem Scheitern des Nationalparkprojekts sind neue Ideen und Projekte für das Centovalli dringend gefragt. Ein Tal-Museum gibt es zwar schon in Intragna und die Accademia Dimitri ist seit langem in Verscio beherbergt. Vielleicht sind es auch die fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel zu den Dörfern Lionza, Borgnone, Costa, Moneto, Palagnedra und Bordei, die mehr Leben und Tourismus ins Tal bringen könnten. Auch Einkaufsmöglichkeiten fehlen nach Intragna westwärts fast vollständig. In der vom Corona-Virus bewegten Zeit denken viele Menschen über ein Leben abseits der überteuerten und überfüllten touristischen Zentren nach. Doch es braucht Infrastruktur – auch schnelles Internet – um die Menschen in die wilde Schönheit der Centovalli zurückzuholen, mit Arbeitsplätzen und bezahlbarem Wohnraum.

Du hast Ideen? Bereit für einen grossen Wurf? Dann nichts wie los und auf zum Palazz!