Knochentrocken

Update 25. März 2022 Waldbrand bei Verdasio

Gesperrte Strasse im Centovalli und Flammen bis ans Dorf Verdasio. Am 23. März brach unterhalb Verdasio ein grosses Feuer aus. Auch italienische Medien berichten darüber hier und hier. Der Brand war am Abend dank Dauereinsatz von zwei Helikoptern unter Kontrolle. Leider wurde der Brandherd etwas vernachlässigt, sodass tags darauf das Feuer erneut entflammte. Diesmal stärker mit Ausbrüchen bis zum Comino hoch. Fünf Helikopter und ein Superpuma konnten bis zum 25. März wenig dagegen ausrichten. Das Tal ist voll von Rauch, was auch auf der Webcam unschwer zu sehen war oder im nachstehenden Video von Fabio Balassi.

© Fabio Balassi

Besorgt blickte ich Ende Januar Richtung Locarno. War es nur Nebel oder stiess der Rauch schon in die Magadino-Ebene vor? Die Wälder bei Indemini standen in Flammen. Der verheerende Waldbrand am Lago Maggiore weckte unangenehme Erinnerungen. Vor beinahe 20 Jahren, am 31. März 2002, brach das Feuer bei Lionza im Centovalli aus. Es war noch nicht die Zeit der Handy-Kameras – doch immerhin digital und nicht mehr mit Super-8 oder VHS konnte ich die dramatischen Bilder und riskanten Löscharbeiten einfangen.
Wenn Du das Video nicht siehst, hier der Videolink.

Costa, Lionza, Borgnone und Saorée am 31.3.2002 © Robert Zuber

Etwas Angst hatten wir schon, die Leute in Lionza, Borgnone und Costa. Denn der Nordwind wütete fast so stark wie letzthin beim Feuer bei Indemini. Der Stausee bei Palagnedra ermöglichte kurze Wege für die Helikopter, um die Löschbehälter rasch nachzufüllen. Nicht auszudenken, was alles hätte passieren können. Der Wald stand damals noch viel dichter und hätte schlimmstenfalls ein Entkommen über die Strassen verunmöglicht.

Die Trockenheit im Tessin hält nun schon bald seit drei Monaten an. SRF Meteo zeigte für Lugano seit dem 1. Dezember 2021 lediglich an drei Tagen nennenswerten Niederschlag – die Werte gelten +/- für den ganzen Kanton. Anstelle der statistischen Niederschlags-Norm zwischen Dezember und Januar von 226 mm waren es diesmal lediglich 29 mm, also nur 13% des üblichen Niederschlags. Auch wenn in den Alta Centovalli am 15. Februar ein Hauch Schnee fiel, war dies nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Trockenheit dauert aktuell bei zu hohen Temperaturen weiter an… Da ich immer noch fleissig jeden Monat die Daten der Wetterstation von „MeteoGroup Schweiz“ oberhalb Costa Borgnone in Grafiken umwandle, kannst Du die Entwicklung auch hier auf meiner Website verfolgen.

Der Waldbrand bei Indemini am Monte Gambarogno wurde von zwei jungen Männern verursacht. Sie übernachteten im Freien und zündeten trotz höchster Warnstufe ein Feuer an. Danach wurden sie in polizeilichen Gewahrsam genommen und müssen nun wohl während Jahren ihre Schulden aus der Feuerbekämpfung bezahlen. Allein die jährlichen Löschkosten für die Tessiner Waldbrände betragen weit über eine Million Schweizer Franken. Der Brandherd musste noch während Wochen mit thermografischen Aufnahmen durch Drohnen überwacht werden. Bei SRF „Schweiz aktuell“ sind zum Vorfall bei Indemini weitere interessante Berichte und Videos zu sehen.

Ganz aktuell wird in der Tessiner Zeitung vom 18. Februar 2022 die neue Plattform „FireNiche“ des kantonalen Forstamtes zur Beurteilung der Gefahrenlage mittels Prognosen und Frühwarnsystemen, die auf meteorologischen und historischen Daten fussen, vorgestellt. Die Plattform soll nach einer erfolgreichen Pilotphase schweizweit eingeführt werden. Das Projekt wurde basierend auf den reichen Erfahrungen im Kanton Tessin durch des Bundesamt für Umwelt (BafU) und das Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) entwickelt.

Waldbrände sind auch in der Region des Locarnese keine Seltenheit. 2017 wütete das Feuer im Februar im Valle Vigezzo und später im April an den Hängen des Rio Remo im Centovalli wie auch in der Terre di Pedemonte. Dazu ein alter Blog-Beitrag

Dies und das 2022

Das Projekt zur Rettung des Palazzo Tondü in Lionza hat einen weiteren Meilenstein erreicht. Die Jury des im Sommer 2020 gestarteten Wettbewerbs gab kürzlich das Ergebnis des Ideenwettbewerbs für die Nutzung und Verwaltung des Palazzos bekannt.

Nach einer mehrstufigen Prüfung der 18 zum Wettbewerb eingereichten Projekte wurden die Vorschläge der Kandidaten „TondO“ und „Benevol “ ex-aequo als Sieger gekürt. Der erste wurde von einem Tessiner Kollektiv eingereicht, das von Sandra Giovannacci, Monique Bosco-von Allmen und Marianna Aliano koordiniert wird. Das genossenschaftlich ausgerichtete Projekt sieht den Palazzo Tondü als Zentrum einer multifunktionalen Infrastruktur, die sich in Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Einrichtungen auf das gesamte Dorf Lionza erstrecken soll. Der zweite Vorschlag, der von der Zürcher „Stiftung Baustelle Denkmal “ unter dem Vorsitz von Jan Capol eingebracht wurde, zielt darauf ab, Gruppen von Freiwilligen in die Restaurierung des Gebäudes einzubeziehen, mit professioneller Unterstützung von Fachleuten.

Die Jury sah ein hohes Potenzial für Synergien zwischen den beiden Projekten und empfahl der „Stiftung Casa Tondü“, mit „TondO“ und „Benevol “ ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Wir sind gespannt, ob sich damit die jahrzehntelangen Bemühungen um das historisch wertvolle Gebäude auszahlen und zum gewünschten Erfolg führen.

Eine der vielen schönen Innenansichten

Auch von der Osteria in Bordei gibt es erfreuliche Neuigkeiten! Dort wird noch in diesem Jahr ein Ausbildungsbetrieb für die berufliche und soziale Integration junger Menschen mit einer Beeinträchtigung „Berufsintegration Bordei“ entstehen. Bis zu zehn Jugendliche sollen dabei in fünf verschiedenen Berufen zweisprachig profitieren und eine Berufslehre mit Attest absolvieren. Es besteht also wieder Hoffnung, dort im Sommer ein feines, regional ausgerichtetes Mittag-oder Abendessen zu geniessen.

Jürg Zbinden, der Pionier von Terra Vecchia wird per 31. März 2022 nach fünfzig Jahren Tätigkeit den Führungsstab in neue Hände übergeben. Für die Neuausrichtung der Geschäftsführung konnte ein erfahrenes Ehepaar gewonnen werden:

Thomas Josi (1963), studierter Theologe mit Nachdiplomstudien «Marketing und Betriebswirtschaft» sowie «Hotelmanagement». Aktuell arbeitet er als Pfarrer in der ev.-ref. Kirchgemeinde Spiez mit den Schwerpunkten Erwachsenenbildung und Kommunikation. Thomas Josi spricht fliessend italienisch und wird die Geschäftsführung der Stiftung übernehmen.
Gabi Josi (1966) ist eidg. dipl. Physiotherapeutin und arbeitet als Physiotherapeutin im Spital Frutigen. Sie führte gemeinsam mit ihrem Gatten das Hotel Randolins in St. Moritz. Gabi Josi spricht fliessend Italienisch und wird die Geschäftsführung der Osteria wahrnehmen.

Mehr Informationen kannst Du der Medienmitteilung und der neuen Zusammensetzung der Stiftung entnehmen.

Ganz links siehst Du die Osteria Bordei

Alle speziellen Termine für die Entsorgung und das Recycling im Centovalli sind im alljährlich erscheinenden Kalender zu finden. Insbesondere die Sondermüll-Sammlungen in Camedo und Palagnedra sind interessant für die Talbewohner*innen. Mit Klick auf das Bild öffnet sich das PDF.

Vom Himmel hoch da komm ich her…

… und erzähl euch eine schaurige Mär. Vom Himmel gefallen ist glücklicherweise nicht das Christkind, sondern nur meine Webcam. Nachdem diese mit dem letzten Atemzug am 24. Dezember um 3.51 Uhr morgens den Geist aufgab, musste ich sie zwecks Reparaturarbeiten abmontieren, wobei sie mir entglitt und im tödlichen Sturz nach fast 10m auf dem Granitplatz aufschlug.

Eine neue bestellen? Ging nicht. „Das Geschäft bleibt bis zum 2. Januar 2021 geschlossen.“ Als kleines Weihnachtswunder offerierte mir der freundliche Senior Firmenchef, die Webcam bei ihm privat in Minusio abzuholen. So kam es doch noch zum Originaltext des alten Weihnachtslieds: „Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her, ich bring‘ euch gute neue Mär…“

https://centovalli-tessin.ch/costa/

Neu ist auch das Interface der Archivcam. Wer noch selbst Links zur Webcam gesetzt hat, sollte diese auf folgende Adresse aktualisieren: https://centovalli-tessin.ch/costa/
Leider läuft noch nicht alles rund bei Zeitraffer und Archivbildern, aber das Livebild kommt wie bekannt mit 10-Minuten-Aktualisierung daher.

In diesen Tagen sieht man übrigens zwei Sonnenaufgänge auf der Webcam. Um ca. 9.20 Uhr und 10.20 Uhr wenn die Sonne hinter dem Giridone wieder auftaucht.

Allen Freunden der Webcam einen guten Rutsch in ein hoffentlich gesundes und fröhliches 2022. Prosit Neujahr!!!

Zum Jahresende

Ungewöhnlich früh, bereits am 28. November legte sich in diesem Jahr das weisse Tuch über die Täler des Locarnese. Die Nervosität der Vögel bei der Futtersuche vor dem Winter kündigte die zeitigen Minustemperaturen an. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, vermerkte schon Rainer Maria Rilke. Aber wer jetzt kein sicheres Dach über dem Kopf hat, wird mit Sicherheit ein schweres Natursteindach bauen müssen – zumindest in den Centovalli.

Diese Verpflichtung galt schon seit langem für die Gemeinden Palagnedra und Intragna. Nach dem Zusammenschluss aller Gemeinden des Tals zur Gemeinde Centovalli wurde aber vergessen, diese Regelung auch für die ehemals eigenständige Gemeinde Borgnone zu übernehmen. Das wurde nun seit kurzem nachgeholt. Was für ein Glück, dass die alten Dächer nicht mehr mit schwarzen oder braunen Ziegeldächern erneuert werden dürfen. Das Glück gilt allerdings nur fürs Auge und nicht für die Geldbörse, denn für Natursteindächer muss mit mehr als tausend Schweizer Franken pro Quadratmeter gerechnet werden. Um diesen Wermutstropfen etwas zu versüssen, bietet der Kanton Tessin aus einem Fonds Beiträge von 200 CHF pro m2 an. Und die Gemeinde Centovalli will mit einem zusätzlichen Beitrag von 50 CHF die Hausbesitzer aus einer Rückstellung von CHF 40’000 weiter zur Renovation maroder Dächer motivieren. Für beide Fonds gilt allerdings die Einschränkung: bis die Kassen leer sind.

Die verbliebenen Bauten in den Tälern, die nicht unter den Schutz der Zweitwohnungs-Initiative fallen, gehen zurzeit wie warme Brötchen weg, die Preise steigen. Doch es bleibt empfehlenswert, vor dem Kauf einen Blick aufs Dach zu werfen und je nach dem 100’000 CHF oder mehr dazu zu kalkulieren, damit der Handel nicht ins Auge geht, sondern dem Auge für die herrliche Welt aus Gneis und Granit weiter schmeichelt.

Es weihnachtet sehr. Auch wenn mit Omikron kein König aus dem Morgenland vor der Türe steht, ist die Zeit um den Jahreswechsel im Centovalli mit sinnlicher Beschaulichkeit, Kerzenlicht und Einkehr verbunden. Wer das Glück hat, sein Haus heizen zu können oder zumindest genügend wärmende Kleidung mitbringt, darf die winterliche Landschaft geniessen – und wiederum mit Rilke: Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Wie leben wohl die Leute im Ashram ob Golino, versehen nur mit kaltem Wasser? Wer wagt sich über die winterlichen Strassen nach Monadello und wer bleibt noch im entlegenen Bordei oder bewacht Burg und Kirche in Terra Vecchia und Rasa? Die gute? Nachricht zum Schluss ist die Mitteilung der neu gebildeten Gemeindeverwaltung Centovalli, dass sich die Seilbahnprojekte Rasa und Costa Pila weiter verzögern und auch im nächsten Jahr mit zumindest Güter-Transportmöglichkeiten gerechnet werden kann. Den aktuellen italienischsprachigen Beschluss dazu findest Du mit diesem Link.  Für die Bahn nach Pila und Costa s./Intragna sind die Betriebszeiten für 2022 hier zu lesen (ausschliesslich Warentransport ab 1. Januar 2022).

Ich danke allen Leserinnen und Lesern meines Blogs für die Treue im alten Jahr und hoffe, euch auch im neuen Jahr wieder begrüssen zu dürfen. Ich schreibe bis mir nichts mehr Neues zufällt. Schau doch auch wieder mal die Wetterstatistiken an – hilfreich für die Ferienplanung im nächsten Jahr. 😉

Alles Gute, frohe Festtage und ein glückliches neues Jahr wünscht euch,
Robert Zuber

«Alte Erde» als Kulturvermittlerin

Es war einer der letzten schönen und warmen Herbsttage im Centovalli, als mir gemeinsam mit vielen anderen Besucher*innen Emotionen einer Kultur vermittelt wurden, die nicht nur Wärme und Schönheit, sondern auch Schrecken birgt. Im Kulturdorf Terra Vecchia gedeiht wohl eines der speziellsten Projekte im Tal. Es sind zwei Frauen, die sich prozesshaft dem weiten Feld zwischen jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund, Natur und Abgeschiedenheit des Dorfes, Handwerk und Künstler*innen, gemeinschaftlichem Leben und der Tessiner Bevölkerung verschrieben haben. Sie arbeiten für bescheidenen Lohn, aber mit reichlich innerem Feuer. Barbara Balba Weber, die Musik- und Kulturvermittlerin und Lea Stocker die interkulturelle Psychiaterin.

Afghanische Migrant*innen und Kunststudent*innen wie soll das zusammen gehen? Ganz gut! Die ausgestellten Werke und Installationen zeugen von Schicksalsverarbeitung, neuer Hoffnung in einem anderen Land, Spielfreude, Emotionen und gegenseitigem Lernen. Keine Therapiestation, kein Ferienpark, sondern professionelle Arbeit gemäss einem prozessorientierten pädagogischen Konzept. Die Migrant*innen, die im Wochenturnus während drei Tagen in Terra Vecchia leben, finden mit Theaterimprovisation, Video- und Klanginstallationen, Social Media und handwerklich künstlerischen Arbeiten neue Erfolgserlebnisse. An diesem Herbstwochenende haben sie ihre künstlerischen Arbeiten zu «Emigration früher und heute» gezeigt. Demnächst soll das Buch «Terra Vecchia Story» aus dieser Arbeit veröffentlicht werden.

Ein schönes Beispiel der kulturpädagogischen Arbeit ist die eigens entwickelte Methode des «Story telling». Sie ermöglicht den Teilnehmenden ihre eigene Geschichte im sozialen Setting, mit Emotionen aber auch künstlerisch zu verarbeiten und ihre Erlebnisse aus der Distanz zu beschreiben: Es war einmal…

Kulturvermittlung_Terra_Vecchia (1)
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Wenn es der 23-jährige Ahmadi Mohammad Nabi schafft, dem Publikum am heutigen Tag eine spontane Ansprache als Dank für seine positiven Erlebnisse in der fremden Welt zu machen, ist das ein grosser Schritt für einen afghanischen Geflüchteten. Von einer Bergwelt zur andern, aber auch von einer Kultur in eine ganz andere. Es ist die Ernte einer Arbeit weit abseits, die im Kleinen zu einer besseren Welt führt.

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Das afghanische Lied «Mein Land» verkörpert den Schmerz zum Verlust des Heimatlands der Migrant*innen und löst diese Gefühle auch in der hiesigen Kultur aus.

Getragen wird das Projekt von der Stiftung «Terra Vecchia Villagio», begleitet durch deren Stiftungsratsmitglied Stefan Schwarz und einen fachlichen Beirat. Spenden sind willkommen an: UBS Zürich, IBAN: CH54 0024 6246 3419 0402 N

Mit den nachstehenden Links findest Du weitere interessante Informationen und mit den Audio- und Videobeiträgen einen besseren Einblick in das Projekt. Der Einbezug der Öffentlichkeit wird weiter gesucht. Es wird auch nächstes Jahr wieder „Tage der offenen Werkschau“ geben. Stay tuned!

Beitrag des Schweizer Fernsehens zur Kulturvermittlung im Kulturdorf Terra Vecchia

Kurzfilm „Cultural Village Terra Vecchia“ auf dem YouTube-Kanal

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